Zuerst der Krieg, dann die Lawine

Am Freitag feierte „Das Glück im Inneren der Lawine“ Premiere in Feldkirch.
Feldkirch Ob sich Delphina Burtscher im Stück wohl wiedererkannt hätte? Im alpenländischen Bild mit Kopftuch und Dirndl wird sie auf der Bühne im Theater am Saumarkt inszeniert: Singend und glücklich vor dem Krieg und auch während dem Krieg als starke Persönlichkeit, die sich von ihren großen Verlusten und der mühevollen Zeit in Gefangenschaft nicht unterkriegen lässt. Aber selbst diese Delphina, die dem Publikum anklagend von der Verfolgung ihrer Familie und den Anstrengungen berichtet, selbst sie hat sich die ursprüngliche Lebensfreude bewahren können.

„Weltgeschichte ereignet sich nicht allein in den Zentren der Macht. Sie erreicht die entlegensten Winkel. Ein stilles Bergtal. Ein einzelnes Leben.“, verweist das Vorarlberger Landestheater auf die historischen Ereignisse im zweiten Weltkrieg. In der Theateradaption „Das Glück im Inneren der Lawine“ wird das Leben einer Widerstandskämpferin aus dem großen Walsertal aufgegriffen. Es ist die außergewöhnliche und tragische Gesichte der noch sehr jungen Delphina Burscher. Zwei ihrer Brüder, Willi und Leonhard Burtscher und auch ihr Verlobter Martin Lorenz desertieren während eines Heimaturlaubs im Sommer 1944 und verstecken sich in den Bergen, wo sie von Delphina versorgt werden. Auch sie wird Teil der Widerstandsgruppe und gerät hochschwanger in Gefangenschaft. Leonhard schafft es, zu flüchten, ihr Bruder Willi und ihr zukünftiger Mann werden enthauptet.
Fragmente der Lebensgeschichte
Die Autorin Daniela Egger hat aus dieser Lebensgeschichte im Auftrag des Landestheaters ein Stück entwickelt, das von der ehemaligen Intendantin Stephanie Gräve konzipiert und schließlich von Michael Wilhelmer inszeniert wurde. Mit großen Zeitsprüngen werden in nur 50 Minuten einzelne Szenen aus Delphinas Leben erzählt und zwischendurch die Ereignisse in einem Rückblick geschildert. Isabella Campestrini und Elke Riedmann spielen beide Delphina und wechseln zwischendurch auch in andere Figuren, wobei nicht immer klar ist, wer gerade spricht. Die Handlung ist dennoch nachvollziehbar und schlüssig und wird von der inhaltlich natürlich starken Geschichte getragen.
Metaphorisch erzählt
Delphina wird mit vielen Weisheiten im Kopf, auch mit Humor und einer grundlegend positiven Einstellung verkörpert, wodurch das Stück über dieses schwere Thema aufgelockert wird. Gleichzeitig erlaubt es einen erfrischenden Blick, der den Mut und die Zuversicht zum Vorschein bringt. „Singen hilft gegen fast alles“ und „Glücklichsein ist eine Entscheidung“. Eindrückliche Sätze lassen das Publikum in eine Vergangenheit eintauchen, in der man kaum jemandem vertrauen konnte, weil einem jeder Nachbar gefährlich werden konnte. Obwohl es Menschen gab, die einander vielleicht geholfen hätten und auch geholfen haben, gab es immer diese Vorsicht vor dem einen Verräter. „Nur die Familie weiß es“, heißt es im Stück, und „wir sind eine große Bürde, für alle die uns helfen“, werden persönliche Erinnerungen beleuchtet.

Das Schicksal dieser Familie wird zuerst vom Krieg und dann von einer Lawine überrollt. Metaphorisch werden Glück und Unglück miteinander verknüpft – während die einen aus dem Schrecken noch heil herauskommen und mit ihrem Leben weitermachen, gibt es die anderen nur mehr in der Erinnerung, in Fotografien und Dokumenten. Delphina schreibt die Namen ihrer Angehörigen auf eine Tafel. Akustisch werden der Krieg und die Lawine mit Schüssen und Grollen in den Theaterraum gebracht. Insgesamt macht das Stück dramaturgisch aber einen leicht unfertigen Eindruck.
Sieglinde Wöhrer (SWÖ)