Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot

VN / 28.10.2026 • 19:59 Uhr
Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot
Die letzte große Hungersnot in Vorarlberg ist 200 Jahre her – hallt aber bis heute nach. VN

Was ein Vulkanausbruch in Indonesien mit der letzten großen Hungersnot in Vorarlberg zu tun hat.

Schwarzach Ein Vulkan explodiert auf der anderen Seite der Welt – und der Sommer bleibt aus. Im April 1815 bricht der Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus. Asche und Gase dämpfen das Sonnenlicht. Im Jahr darauf regnet und schneit es, in den Alpen wächst kaum Gras, das Getreide reift nicht. Was der Ausbruch mit der letzten großen Hungersnot in Vorarlberg zu tun hat, erzählt Michael Kasper, Direktor des vorarlberg museums, in der aktuellen Folge des VN-Podcasts “Nachhall”. Im Gespräch mit VN-Politikchef Michael Prock betont er: Die Hungersnot hatte viele Gründe.

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Mit handfesten Auswirkungen: Ein Pfarrer notiert den Tod von Maria Franziska Nann am 14. Juni 1817: Sie sei “aus Manglung und Abgang der Nahrung an gänzlicher Entkräftung gestorben”. Ihr Tod fiel in eine Krise, die sich über Jahre aufgebaut hatte. Europa kam aus fast zwei Jahrzehnten Krieg, die Wirtschaft war erschüttert, das Geld entwertet. Auch Vorarlberg war verwundbar: Viele Höfe waren durch Erbteilung klein und zerstückelt. Familien lebten neben der Landwirtschaft von auswärtiger Arbeit und Heimweberei. Als billige englische Ware nach Napoleons Niederlage auf den Kontinent kam, brachen Aufträge weg.

Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot
Kasper betont: “Die Sterblichkeit verdoppelt sich in diesem Jahr.”VN/Serra

Der Alltag war karg: Getreide und Milch, Brei und Suppe. Fleisch wurde meist verkauft; Kartoffeln galten vielen als Viehfutter. Dann misslangen die Ernten wiederholt. Heu fehlte, Vieh musste verkauft oder geschlachtet werden, Getreide wurde immer teurer. Im Frühjahr 1817 waren Vorräte und Saatgut aufgebraucht. Es war der Höhepunkt der Hungersnot. Oder, wie Kasper betont: “Am dramatischsten und am kritischsten”. Nahrungsmittelpreise gingen durch die Decke, wurden für manche unerschwinglich. Es gibt Geschichten, die erzählen, dass man ein Haus für “einen Sack Mehl” kaufen konnte. Kasper mahnt, solche Erzählungen nicht einfach wörtlich zu nehmen. Doch die Not war real, die Menschen waren mangelernährt und geschwächt. “Die Sterblichkeit verdoppelt sich in diesem Jahr”, sagt Kasper.

Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot
Kasper: “Die Kartoffeln werden eines der Hauptnahrungsmittel für die nächsten 150 Jahre.”VN/Serra

Die Krise traf die Täler unterschiedlich. In höheren Lagen wuchs ohnehin wenig; im Rheintal lebten viele von der Heimarbeit und hatten kaum eigenes Land. Suppenküchen halfen in größeren Orten, erreichten die verstreuten Höfe aber schwer. Erste Kirschen brachten im Juni Entlastung. Im Laufe der Zeit wurde die Kartoffel neu entdeckt. “Die Kartoffeln werden eines der Hauptnahrungsmittel für die nächsten 150 Jahre”, erzählt der Leiter des vorarlberg museums.

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Als sich die Lage zu bessern schien, kam das Wasser. Nach schneereichen Wintern setzte 1817 die Schneeschmelze ein, dazu fiel viel Regen. Flüsse traten über die Ufer, Dämme brachen, große Teile des Rheintals standen unter Wasser. Saatgut und Ernte wurden weggeschwemmt. Am 7. Juli erreichte der Bodensee den höchsten dokumentierten Stand seiner Geschichte. Für viele endete die Not erst mit der Ernte 1818.

Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot
Die Landwirtschaft hat sich aufgrund der Hungersnot verändert – die Viehzucht wurde systematisiert.VN/Serra

Die Krise veränderte auch den Alltag: Landwirtschaft und Viehzucht wurden nach der Krise systematischer vermittelt, die Kartoffel prägte den Speiseplan. In späteren Notzeiten wurde die Hungersnot als Mahnung wieder hervorgeholt – manchmal politisch zurechtgebogen.

Im Gespräch mit Michael Kasper geht es um den Vulkan Tambora, um die Flut, aber vor allem um die Menschen dazwischen: Familien ohne Vorräte, die Grenzen der Hilfe und die Spuren, die eine Katastrophe hinterlässt.

Als der Sommer ausblieb: Vorarlbergs letzte große Hungersnot
Im Gespräch mit Michael Kasper geht es um Familien ohne Vorräte, die Grenzen der Hilfe und die Spuren, die eine Katastrophe hinterlässt.VN/Serra

Es ist die dritte Folge des VN-Podcasts “Nachhall”, zu sehen auf Ländle TV und VOL.at. Und zu hören auf allen gängigen Podcastplattformen. Weitere Folgen beschäftigen sich mit der NS-Zwangsarbeit auf Illwerke-Baustellen und dem Umgang mit Kriegerdenkmälern in Vorarlberg.

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