„Ist doch kein Hemd zum Wechseln“

Der Bregenzer Mustafa Pacali könnte sich nie vorstellen, dem Islam untreu zu werden.
Bregenz. Auch Mustafas Glaube ist Teil seiner Migrationsgeschichte. Die ersten Schritte in der Fremde, erste Gebetsräume in geliehenen christlichen Kirchen . . .
Mustafa Pacali (56) kam „am 23. Juli 1972, an einem Samstagnachmittag, um 16.30 Uhr nach dreitägiger Fahrt“ am alten Bregenzer Bahnhof an. Kurz davor hatte er in Aydin an der Ägäisküste maturiert. Fotos aus dem Album zeigen den klassischen 18-Jährigen mit langen Haaren und Glockenhosen.
„Mit dem Vater sind wir dann im gelben Postbus nach Hörbranz gefahren.“ Dort hatte er ein Zimmer gemietet. „Zwei Wochen lang hab ich überlegt, wieder in die Türkei zurückzukehren.“
Doch Mustafa blieb. Während seine spätere Frau Meryem als erste türkische Arbeiterin bei Wolford Fuß fasste, fand er in den Lochauer Diem Werken Arbeit. Nach sechs Monaten kaufte er „beim Pircher“ einen Kassettenrecorder „gegen das Heimweh“. Ernst Schlegel wurde auf den jungen Mann aufmerksam, und Mustafa fand seinen endgültigen Job. „Seit 4. Mai 1973 bin ich dort beschäftigt.“
Mustafa Pacali hat all seine Daten im Kopf, Bilder von der Frau, den Kindern, den ersten Autos sauber ins Album eingeklebt. Und mehrere Ausgaben des Koran zur Hand. Mustafa und Meryem sind Sunniten. Ihr Glaube ist ihnen so selbstverständlich, dass mitunter lächelndes Kopfschütteln die Fragen begleitet.
Erst nur geduldet
Leicht war ihr Anfang nicht. „Als meine Eltern im ersten Ramadan in Vorarlberg fasten wollten, fanden sie nicht einmal einen Kalender mit den exakten Daten für Sonnenaufgang und -untergang. Später hörte der Vater davon, dass eine Gruppe türkischer Zuwanderer in einer Lauteracher Kirche beten durfte. „Da sind wir dann hingegangen.“ Der erste eigene Gebetsraum oberhalb des türkischen Lokals in der Bregenzer Kirchstraße fasste 20, 25 Leute. Unter den Gastarbeitern fand sich einer, der es im Selbststudium bis zum Vorbeter gebracht hatte. So fanden die Gebete allmählich wieder in jene Regelmäßigkeit, die Mustafa Pacali aus Aydin gewohnt war. „Dort stand unser Haus gleich neben der Moschee.“ Fünfmal täglich verneigte er sich als Kind nach Mekka. Heute hat er seine drei Kinder zum Glauben erzogen und schickt sich eben an, auch den drei Enkelsöhnen seine Religion nahezubringen.
Mustafa Pacali glaubt an Allah. An den einen, einzigen, unteilbaren Gott. Er spricht es aus, jeden Morgen, wenn er erwacht: „Es gibt keinen Gott außer Allah.“ Was aber ist das für ein Gott? „Er koordiniert die ganze Natur und die Welt“, sagt Mustafa. „Er schickt Sonne und Regen.“ Und auch Erdbeben und Hochwasser? Da erinnert Mustafa an die Geschichte des Noah aus der Bibel, den der Koran „Nuh“ nennt. Sintflut und Arche kommen in beiden Büchern vor. Mustafa betet auf Arabisch und liest den Koran in türkischer Sprache. Dass sein achtjähriger Enkel Emre schon neun Suren auswendig kennt, erfüllt ihn mit Stolz. Mustafa hat zu keinem einzigen Zeitpunkt seines Lebens mit dem Gedanken gespielt, seine Religion aufzugeben oder zu wechseln. Der Gedanke scheint ihm gänzlich absurd. „Religion ist doch kein Hemd zum Wechseln!“
Mustafa glaubt an die Verheißung des Paradieses nach dem Tod. Aber er hat das altorientalische Bild vom Garten Eden abstrahiert: Paradies ist für ihn „ein Leben ohne Schuld“. An einem Ehrenplatz der Wohnung haben Meryem und Mustafa eine Tafel mit Weisungen des persischen Mystikers ar-Rumi aufgestellt. Dort heißt es unter anderem: „Sei für die anderen wie ein Meer, weit und großzügig.“
Sunniten
85 Prozent der weltweit rund 1,5 Milliarden Muslime sind Sunniten. Sie stellen in den meisten islamischen Ländern die Mehrheit, mit Ausnahme des Iran, Irak, Oman, des Libanon und von Aserbaidschan sowie Bahrain. Bei den Sunniten leitet der Kalif die Gemeinschaft der Gläubigen. Das letzte Kalifat erlosch im März 1924 in der Türkei auf Geheiß Kemal Atatürks.