Tausende Kilometer fern der Heimat

Vorarlberg / 27.11.2012 • 19:36 Uhr
Zaker (15) malt mit Begeisterung. Im Haus Michael darf er seine Bilder auch aufhängen. Fotos: VN/Hartinger
Zaker (15) malt mit Begeisterung. Im Haus Michael darf er seine Bilder auch aufhängen. Fotos: VN/Hartinger

Es sind Kinder mit den Erfahrungen von Kriegsopfern: Die 16 Asylwerber von Tisis.

Feldkirch. (VN-tm) Vor Tagen sind sie angekommen. Mohammed (14) hat das abgegriffene Deutschbuch ausgepackt, und Nasrat (15) mit Freude den Boxsack im Keller vom Haus St. Michael entdeckt. Sie haben die Betten bezogen, die andere Flüchtlinge in den Werkstätten der Caritas aus Schalungsbrettern gebaut haben. Und Zaker hängte zum ersten Mal ein Bild an die Wand. In Traiskirchen durfte er das nicht.

Zaker ist der Künstler. Zaker Soltani, 15 Jahre alt und sehr begabt. „Bitte, sprechen Sie langsam“, sagt er und offenbart verblüffende Deutschkenntnisse. Zaker tauchte vor dreieinhalb Monaten am Lagertor von Traiskirchen auf. Er lernt sehr schnell.

Das tun sie alle. 16 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren haben vorübergehend in Feldkirch-Tisis Zuflucht gefunden. Mit Ausnahme eines Mongolen stammen alle aus Afghanistan. Claudia Moser und ihr Team nahmen die Jungs in Empfang. Traiskirchen liefert bei der Überstellung eine Abrechnungsnummer, den Namen und das Geburtsdatum mit. Ein Datum, das auf 1. 1. lautet, bedeutet nur, dass der Bub sein Geburtsdatum nicht kennt.

Mehr wissen die Betreuerinnen nicht? Moser schüttelt den Kopf. Aber seit der ersten Begegnung lernen die unbegleiteten Minderjährigen und ihre Betreuerinnen sich täglich besser kennen. Moser weiß aus Erfahrung, dass sich hinter den Bubengesichtern noch ausreichend grausige Details verbergen.

Entsetzliche Drohungen

Vor einem Jahr bat sie ein junger Asylwerber, sich ein Video anzuschauen. Später brauchte sie psychische Betreuung. Zu sehen war, wie ein elfjähriger Junge einem gefangenen Mann mit dem Messer den Kopf abschnitt. Taliban hatten es aufgenommen. „Sie haben das Video als Drohung verschickt.“

Drüben stecken Habib (15) und Esanullah (14) ihre Nasen in die Küche und erschnuppern mit Käse überbackene Kartoffeln. Shohaib und Nasrat haben gekocht. Man deckt den Tisch. Lacht. Nur bei den zaghaften Fragen nach Geschwistern und Eltern huschen Schatten über ihre Gesichter. Shohaibs „Mama ist krank“ und Nasrats Vater „ist tot“. Nicht alle haben Kontakt nach Afghanistan. Manche dürfen seit Wochen nur hoffen, dass ihre Familien unversehrt am Leben sind.

Essen ist fertig. Zaker setzt noch zwei, drei Striche auf sein jüngstes Bild. Oben auf dem Kleiderschrank liegen drei gebrauchte Kunstbücher. In Wien hat ihm ein Betreuer namens Mike Eintritt in die Museen verschafft. Tagelang strich der Bub an Bildern von Picasso und Schiele entlang. Davon zehrt er jetzt.

Motive mit Bedeutung

Seine Motive sprechen Bände. Ein Kind im Gefängnis. Ein Junge muss am Straßenrand seinen Wellensittich verkaufen. Ein Bub blickt sehnsüchtig auf Zehenspitzen in ein Klassenzimmer. „In meiner Heimat dürfen nicht alle Kinder in die Schule gehen.“ Die fanatischen Gotteskrieger haben Schulen in Brand gesetzt. Für sein Gemälde einer jungen Mutter, die ihrem Baby die Brust gibt, würde er vielleicht gesteinigt. Behutsam verstaut er die Farben, die ihm Betreuer geschenkt haben, im Kasten. Dann schlurft er Richtung Esszimmer.

Dringend nötige Wintersachen erhalten die Burschen einstweilen aus den Lagern der Caritas. Ihre 180 Euro monatlich reichen gerade fürs Essen und ein paar Hygieneartikel. Ein Feldkircher Bäcker hat gestern Brotspenden versprochen. „Tischlein deck Dich“ hilft auch aus. Die Betreuerinnen organisieren, was geht. „Die Buben sind halt im Wachstum“, sagt Claudia Moser und hört sich wie die Mama an. Und richtig: Kinder sind es, die hier in Tisis nach Monaten von Flucht und Lager endlich damit anfangen können, anzukommen.

In Trais­kirchen waren sie zu sechst im Zimmer und durften nicht selber kochen.

Claudia Moser
In der Küche entfalten die Burschen erstaunliche Talente.
In der Küche entfalten die Burschen erstaunliche Talente.
Nasrat und Shohaib haben zu Hause in Afghanistan geboxt.
Nasrat und Shohaib haben zu Hause in Afghanistan geboxt.

Interessenten melden sich
bei Claudia Moser unter
Tel. 0664/ 8240053