Jede Seele muss reifen

Vorarlberg / 17.12.2012 • 20:25 Uhr
Seinen Töchtern lebt Sarigül religiöse Überzeugungen vor. Das Bild über ihm zeigt Ali, den Schwiegersohn des Propheten. Aleviten sind „die Partei Alis“. Foto: VN/Matt
Seinen Töchtern lebt Sarigül religiöse Überzeugungen vor. Das Bild über ihm zeigt Ali, den Schwiegersohn des Propheten. Aleviten sind „die Partei Alis“. Foto: VN/Matt

Bei Aleviten wie Nuri Sarigül stehen Bildung und Toleranz ganz oben auf der Werteskala.

Bregenz. Als er 1987 Vorarlberger Boden betrat, beherrschte Nuri Sarigül zwei Worte: Ja und Danke. Später hat er die HTL in Rankweil mit Fachrichtung Tiefbau besucht und an der Fachhochschule in Liechtenstein Bauingenieurwesen studiert. Heute arbeitet der zweifache Familienvater als Verkehrsplaner in Wil.

Seiner Gattin Evren liegt die Basler Herkunft auf der Zunge. Die Zwillinge Meryem und Sara wachsen zweisprachig auf, vielleicht sollte man zweieinhalb sagen, um den schwyzerdütschen Anteil nicht sträflich auszublenden.

Nuri und Evren sind Aleviten. Alevitische Frauen und Männer begegnen einander in Augenhöhe. Auch das lehrt ihr Beispiel: Bildung geht den Aleviten über alles.

Dass sie niemals zum seelenlosen Strebertum verkommt, dafür sorgt ihre Weltsicht. „Der Mensch“, sagt Nuri Sarigül, „kommt als unreife Seele zur Welt.“ Er ist kein Zufallsprodukt. Gott hat ihn auserwählt. „Er soll sein Statthalter sein auf dieser Welt.“ Deshalb hat er ihm die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse in die Wiege gelegt. Und manche beruft Gott zu Propheten. 124.000 sollen es gewesen sein im Laufe der Zeit. „Der letzte war Mohammed.“

Das Tun im Alltag ist Gebet

Der Mensch steht im Mittelpunkt des Alevitentums. Er soll reifen ein Leben lang, auf dass sein innerer Anteil an Allah zur Blüte findet. So lassen sich Glaube und Privatleben auch bei Sarigüls nicht trennen. „Schließlich lehrt uns die Religion, wie wir das Leben meistern können.“

In Nuri Sarigül tut sie das auf besondere Weise. Er darf sich zu den „Ehl-i-Beyt“ zählen, zur unmittelbaren Nachkommenschaft des Propheten. Als „Dede“ leitet er die monatlichen Gebetsversammlungen namens „Cem“. Gericht und Versöhnung, Belehrung und Gebet reflektiert die Gemeinde über Stunden hinweg. Zum Klang des Saiteninstruments Saz erinnern sich die Gläubigen an „die sieben großen Dichter“, die vom 14. bis ins 17. Jahrhundert literarische Wegmarken hinterlassen haben.

Den Koran handhaben Aleviten schon deshalb interpretierbar, „weil jeder der 6000 Sätze immer im Zusammenhang gelesen werden muss.“ Nuri Sarigül legt kostbare Bücher auf den Tisch wie „Nehcul Belaga“ und das Buch „Buyruk“, das Weisungen und Gedichte des Mystikers Hadschi Bektasch Wali aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beinhaltet.

Die Zeit, da die Aleviten noch ohne Unterdrückung in ihren Klosterschulen namens „Dergah“ Philosophie und Theologie betrieben, wird in Sarigüls Erzählungen so lebendig wie irgend möglich. Was ihm schon als Kind mündlich überliefert wurde, blieb haften. Dies und die grundgelegte Toleranz: Nuri Sarigül genießt den Austausch mit dem christlichen Gast; ein glänzender Zuhörer, der jeder Religion Respekt zollt.

Aleviten

In Vorarlberg ist etwa jeder fünfte Zuwanderer aus der Türkei Alevit. Diese Sonderrichtung des Islam hat sich nach dem Tode des Propheten im Jahr 632 im Streit um die Führung der Moslems herausgebildet. Ali war Gatte von Fatima, des einzigen leiblichen Kindes des Propheten. Ein Teil der Moslems sah in Ali den legitimen Führer der Gemeinde, die Mehrheit vertrat die Ansicht, der Führer (Kalif) müsse nur aus dem Stamm Mohameds kommen. Die Schia, die „Partei“ Alis, verlor den Streit.

Innerhalb der Schia nahmen die Aleviten eine ganz eigene Entwicklung. Sie teilen zwar die religiösen Grundannahmen des schiitischen Islam, den Glauben an die Führerschaft Alis und seiner elf Nachfolger sowie an die Verborgenheit und die Wiederkunft des Imam Mahdi. Doch leben Aleviten eine priester- und moscheenlose Religion, religiöses Wissen und Praxis werden in mündlicher Tradition durch „Pirs“ (Weise) und „Dedes“ (Großväter) weitergegeben, die aus „heiligen Familien“ stammen.

Religionsserie.
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