Manche werden ganz still bleiben
Natürlich wird es ein Glas Sekt geben, und sollte es wider Erwarten Champagner sein, wird der ungeübte Gaumen erneut den allseits mit Kennerblick so hochgelobten feinen Unterschied vergeblich zu ertasten suchen. Um sich in den ersten Sekunden des neuen Jahres nicht als völliger Ignorant zu entblößen, kann ein verträumter Blick in eine unbestimmte Ferne sehr hilfreich sein. Das sollte man nach ausgiebigem Feiern um Mitternacht ja hinkriegen.
Wo doch die Stimmung das einzige Mal im Jahr planbar ihren Höhepunkt zu einer fixen Uhrzeit erlebt: Eins, zwei, drei . . . elf, zwölf! Die Pummerin und das Staatsopernballett lassen das sonst so hingebungsvoll geschmähte Wien auch in den westlichsten Wohnzimmern der Republik erklingen. Donauwalzer allerorten. Und Lichterzauber überm See. Wer kann sich dem entziehen?
Jene um Beispiel, denen 2012 die körperliche Unversehrtheit abhanden kam. Man ist doch einfach gesund, oder. Und wenn nicht? Wie ist das für jene, denen möglicherweise das letzte Neujahr vor Augen steht? Manche tragen so eine Botschaft im Herzen. Sie werden’s nicht sagen, aber still werden sie sein in all dem Trubel. Oder jene, die dieser Tage einen Menschen vermissen, der nicht wiederkehrt. Die im Grunde nur darauf hoffen, von der überschäumenden Heiterkeit der anderen nicht allzu sehr berührt zu werden. Wie kriegen die das hin heute Abend? Sie haben kaum Grund zu feiern.
In all der Festlichkeit einen Augenblick für jene Menschen zu reservieren, denen die Unbeschwertheit genommen wurde, lohnt schon deshalb, weil es uns daran erinnert, dass der Mensch eigentlich an jedem Abend ein kleines Silvester und bei jedem Morgengrauen Neujahr feiert. Er weiß es nur nicht.
thomas.matt@vn.vol.at, 05572/501-724
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