Als eine Eisdecke den See verbarg

Vor 50 Jahren fror der Bodensee zu. Einen Monat lang blieb das Eis begehbar.
Bregenz. Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen. Selbst nach etlichen durchfrorenen Nächten reicht die tragfähige Eisdecke beim Rohrspitz ein paar Dutzend Meter hinaus, mehr nicht. Vor 50 Jahren war alles anders.
Während die Menschen im Bregenzerwald um den 25. Jänner herum bei bis zu minus 28 Grad bibberten und Gendarmen in der Bregenzer Bucht mit dem Schlauchboot festgefrorene Vögel bargen, hatten die Zöllner am Untersee ihre Kontrollen längst aufs Eis verlegt. Die Reichenauer ließen sich davon nicht stören. Sie kauften zu Fuß ihre zollfreien Waren im nahen Mannenbach ein. Noch hielten auf dem Obersee Eisbrecher Fahrrinnen offen. Aber am 1. Februar war auch damit Schluss. In Lindau wurden Soldaten des Luftwaffenbataillons 45 zum Vögelfüttern abkommandiert. Mensch und Natur litten gleichermaßen unter der Kälte. Vor Bregenz reichte die Eisschicht schon mehr als zwei Kilometer in den See. Wenig später war es dann soweit. Ab dem 6. Februar 1963 bot der See eine einzige schneebedeckte Eisfläche. Nach 133 Jahren konnte man wieder von allen Stellen des 273 km langen Ufers den See zu Fuß überqueren. Das trieb wundersame Blüten.
Am 9. Februar tragen 50 Schweizer Schüler ein Christusbild über den See nach Hagnau, das zuletzt 1830 den umgekehrten Weg genommen hatte. Der Fotograf Franz Thorbecke startet und landet mit seiner kleinen Piper im Lindauer Hafen. Auch Georg Schnell, „der fliegende Bauer“ von Lindau, unternimmt Eisflüge.
Vier Mann gehen aufs Eis
Aus Bregenz machen sich nach einer nächtlichen hitzigen Diskussion am 9. Februar der Lehrer Alfons Wilhelmi, der ehemalige Tormann von SW Bregenz, Rudl King, Kurt Witzgall und Alfons Hämmerle bei dichtem Nebel auf den Weg. Um 10 Uhr stapfen sie beim Mehrerauer Badehäusle mit einem Marschkompass ins Ungewisse. Anderthalb Stunden später marschieren sie im Lindauer Hafen ein und erhalten einen Stempel in den Pass mit dem Vermerk „übers Eis eingetroffen“.
Am 12. Februar pilgern 2500 Menschen in einer Prozession von Hagnau über das Eis nach Münsterlingen. Mit Rasenmähern gezogene Hornschlitten sieht man die Bregenzer Bucht überqueren und kinderwagenziehende Mopeds. Die beiden Wasserburger Heinrich Böhringer und Dieter Kraus übernachten sogar zweimal in der Mitte des Sees. Aber zum Schlafen kommen sie nicht. Zu oft schauen Passanten vorbei . . .
Manche bezahlen ihren Wagemut mit dem Leben. So bricht der Gastwirt Heiri Flach aus Bad Horn mit seinem Moped ein und ertrinkt. Der Wasserburger Rentner Gregor Spieler fährt mit dem Rad aufs Eis und kehrt nie wieder. Franz Schmid aus Bodolz hingegen hat Glück. Er will mit seinem 16-jährigen Bruder Martin von Lindau nach Rorschach laufen. Aber sie verlieren die Orientierung und laufen beinah in den offenen Alten Rhein. In letzter Sekunde legen sich die Buben ganz flach aufs Eis, „um unser Gewicht auf eine möglichst große Fläche zu verteilen“. So kriechen sie eine Ewigkeit lang zurück, bis sie kein Loch mehr in der Eisdecke sehen.
Distanz unterschätzt
Am 5. März 1963 treten beim Harder Strandbad Monika Zech, Agathe Gleissner mit ihrer Tochter Ingrid und Elisabeth Casagranda mit Tochter Doris aufs Eis. Die fünf Harderinnen wollen nach Lindau. Aber die Stadt will und will nicht näher kommen; „Wir hatten die Distanz ordentlich unterschätzt“, erinnert sich Zech. Auf dem See begegnen sie dem Fischer Walter Plattner, der ein Loch ins Eis gebohrt hat und auf guten Fang hofft. „Ihr traut’s euch was“, ruft er ihnen nach. Zwei Stunden später stehen sie vor Lindau. Aber an Land kommen sie nicht mehr. „Ein Wassergraben trennte uns vom Ufer.“ Einen Tag später, am 6. März 1963, sperrten die Behörden den Weg über den See. Tauwetter hatte eingesetzt.
Mitten auf dem See begegneten wir dem Fischer Walter Plattner: Ihr traut’s Euch was, hat er gerufen.
Monika Zech


Stichwort
Seegfrörne
Der Bodensee friert aufgrund seiner Tiefe sehr selten zu. Seit 875 sind 33 Seegfrörnen überliefert, die in unregelmäßigen Abständen stattfanden. Damit der Obersee gänzlich zufriert, muss die Kälte früh einsetzen – wie im November 1962 – und mit Windstille einhergehen. Generell muss ein See auf eine Temperatur von 4 Grad Celsius abkühlen, bevor er gefrieren kann. Bei dieser Temperatur besitzt Wasser seine größte Dichte.