Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Eine Entscheidung von Tragweite

Vorarlberg / 13.01.2013 • 19:44 Uhr

Der Bub blickte aus aufgeweckten Augen zu seinen Eltern hinüber. Er mochte etwa 13 Jahre alt sein. Seine Mutter las ihm Menü­vorschläge vor, so laut, dass sie quasi die Nachbartische in die Entscheidung einbezog. Dabei hatte ihr Sohn sich längst entschieden. Er öffnete den unbequemen Kragenknopf und murmelte etwas von wegen „heiß hier“. Dabei war das erst der Anfang. Die Mutter hatte sich viel vorgenommen.

Die Zukunft eines Kindes ist ja beileibe keine Kleinigkeit. Und Gesprächen von Tragweite verleiht man gern den feierlichen Anschein eines Abendessens. Aber diesmal blieben Bruschetta und Pasta nur schmückendes Beiwerk.

Also, Theater und Film? Das geht gar nicht! Mit ausladender Geste ließ die Mutter verkrachte Existenzen Revue passieren, während ihr Gatte sich schweigend am Rotwein gütlich tat. „Wohingegen eine solide handwerkliche Ausbildung . . .“ Wie? Gedichte schreiben? Der Kellner trat rasch an den Tisch, aber sie wollte gar nichts bestellen, sondern hatte nur einen völlig abstrusen Gedanken ihres Sohnes weggewischt. Texte schreiben? Du meine Güte. „Wohingegen eine gute handwerkliche Ausbildung . . .“

Nach gut anderthalb Stunden kauerte der Bub mit glasigen Augen auf dem Stuhl wie eine sturmreif geschossene Festung. „Und“, fragte die Mama, die mit sich sehr zufrieden war: „Was wird’s denn nun werden bei dir?“ Das ganze Lokal hörte zu. Der Bub blinzelte unschlüssig. Er fühlte Blicke auf sich ruhen. Dann bemerkte er die Dessertkarte. Und sagte sein einziges lautes Wort an diesem Abend: „Tiramisu, es wird ein Tiramisu.“

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