Krankenlager statt Hotelbett

4600 Verletzte. Für nicht wenige Wintersportler endet der Skitag im Spital.
Feldkirch. Den Oberschenkel zertrümmert, die Blutgefäße abgerissen: Das Röntgenbild offenbart selbst dem Laien die immense Zerstörung, die ein kapitaler Sturz im Tiefschnee am rechten Bein von Dietrich Bruchmann angerichtet hat. Krankenlager statt Hotelbett heißt es seitdem für den 57-Jährigen aus Karlsruhe. Er ist nicht der einzige Pechvogel, der seinen Urlaub statt auf der Piste im Spital verbringt. Im Durchschnitt fordern die Wintersaisonen in Vorarlberg etwa 4600 Verletzte.
Intensiv und aufwendig
Wobei es immer auch ein bisschen auf die Schneeverhältnisse ankommt. Heuer gab es von der weißen Pracht mehr als genug. Das bedeutete zum größten Teil weiche Pisten und ein dementsprechend verändertes Verletzungsmuster. „Es gab weniger Beckenfrakturen und weniger Wirbelsäulenverletzungen“, fasst Primar Dr. Karl Benedetto zusammen. Allerdings musste der Leiter der Unfallchirurgie im LKH Feldkirch in diesem Winter öfter ran. 60 Eingriffe mehr pro Monat stehen im Vergleich zum selben Zeitraum des letzten Jahres zu Buche. In der Wintersaison 2011/12 wurden allein im LKH Feldkirch rund 800 Skifahrer und Snowboarder verarztet, 254 davon mussten stationär aufgenommen werden.
Es sind vornehmlich die komplizierten Fälle, die im Landeskrankenhaus Feldkirch und schließlich auf dem OP-Tisch von Karl Benedetto landen. Sehr oft handelt es sich um intensive und aufwendige Eingriffe. „Und leider gibt es in jeder Saison mindestens einen Querschnittgelähmten“, erzählt der renommierte Unfallchirurg. Das höchste Gefährdungspotenzial diesbezüglich weisen Snowboarder auf.
Bedenkliche Unsitte
Ein weiteres Faktum ist, dass die Zusammenstöße auf der Piste zunehmen. Auf rund 20 Prozent schätzt Benedetto den Anteil, den Kollisionen inzwischen an den gesamten Wintersportunfällen haben. Nicht miteingerechnet die Beinahe-Kollisionen. „Sie dürften noch einmal 20 Prozent ausmachen“, vermutet der Mediziner. Um die Hälfte zurückgegangen sind hingegen Schädel-Hirn-Traumen. Unbestreitbar ein Verdienst der hohen Helmtragequote. Dafür stellt Karl Benedetto vermehrt eine eher bedenkliche Unsitte fest, nämlich jene, anderen die Schuld für den Unfall in die Skischuhe schieben zu wollen. Die erste Frage, die er oft von Patienten höre, sei, von wem sie denn nun ein Geld bekommen. Nicht umsonst würden sich auch Ärzte nach allen Seiten absichern, merkt Benedetto an.
Dass sich die Wintersaison nun langsam, aber sicher dem Ende zuneigt, kommt ihm ganz gelegen. Und das nicht ohne besonderen Grund.
Mangel an Chirurgen
Vier von zwölf Chirurgenstellen sind vakant: Das geht selbst einem so leidenschaftlichen Operateur wie Karl Benedetto an die Substanz. Doch Nachbesetzungen erweisen sich als extrem schwierig, weil es das bei uns gängige Berufsbild des Unfallchirurgen nicht überall gibt. In Deutschland beispielsweise wird diese Tätigkeit von Orthopäden ausgeübt. In der Schweiz wiederum ist für Vorarlberger Spitäler aus bekannten Gründen wenig zu holen.

Deise Schühle (32) aus Schruns

Renè Häcki (38) aus Wallisellen in der Schweiz

Dietrich Bruchmann (57) aus Karlsruhe