Krankenlager statt Hotelbett

Vorarlberg / 15.03.2013 • 21:02 Uhr
Opfer von Skiunfällen zusammenflicken ist derzeit tägliches Brot für Primar Karl Benedetto. Foto: VN/Steurer
Opfer von Skiunfällen zusammenflicken ist derzeit tägliches Brot für Primar Karl Benedetto. Foto: VN/Steurer

4600 Verletzte. Für nicht wenige Wintersportler endet der Skitag im Spital.

Feldkirch. Den Oberschenkel zertrümmert, die Blutgefäße abgerissen: Das Röntgenbild offenbart selbst dem Laien die immense Zerstörung, die ein kapitaler Sturz im Tiefschnee am rechten Bein von Dietrich Bruchmann angerichtet hat. Krankenlager statt Hotelbett heißt es seitdem für den 57-Jährigen aus Karlsruhe. Er ist nicht der einzige Pechvogel, der seinen Urlaub statt auf der Piste im Spital verbringt. Im Durchschnitt fordern die Wintersaisonen in Vorarlberg etwa 4600 Verletzte.

Intensiv und aufwendig

Wobei es immer auch ein bisschen auf die Schneeverhältnisse ankommt. Heuer gab es von der weißen Pracht mehr als genug. Das bedeutete zum größten Teil weiche Pisten und ein dementsprechend verändertes Verletzungsmuster. „Es gab weniger Beckenfrakturen und weniger Wirbelsäulenverletzungen“, fasst Primar Dr. Karl Benedetto zusammen. Allerdings musste der Leiter der Unfallchirurgie im LKH Feldkirch in diesem Winter öfter ran. 60 Eingriffe mehr pro Monat stehen im Vergleich zum selben Zeitraum des letzten Jahres zu Buche. In der Wintersaison 2011/12 wurden allein im LKH Feldkirch rund 800 Skifahrer und Snowboarder verarztet, 254 davon mussten stationär aufgenommen werden.

Es sind vornehmlich die komplizierten Fälle, die im Landeskrankenhaus Feldkirch und schließlich auf dem OP-Tisch von Karl Benedetto landen. Sehr oft handelt es sich um intensive und aufwendige Eingriffe. „Und leider gibt es in jeder Saison mindestens einen Querschnittgelähmten“, erzählt der renommierte Unfallchirurg. Das höchste Gefährdungspotenzial diesbezüglich weisen Snowboarder auf.

Bedenkliche Unsitte

Ein weiteres Faktum ist, dass die Zusammenstöße auf der Piste zunehmen. Auf rund 20 Prozent schätzt Benedetto den Anteil, den Kollisionen inzwischen an den gesamten Wintersportunfällen haben. Nicht miteingerechnet die Beinahe-Kollisionen. „Sie dürften noch einmal 20 Prozent ausmachen“, vermutet der Mediziner. Um die Hälfte zurückgegangen sind hingegen Schädel-Hirn-Traumen. Unbestreitbar ein Verdienst der hohen Helmtragequote. Dafür stellt Karl Benedetto vermehrt eine eher bedenkliche Unsitte fest, nämlich jene, anderen die Schuld für den Unfall in die Skischuhe schieben zu wollen. Die erste Frage, die er oft von Patienten höre, sei, von wem sie denn nun ein Geld bekommen. Nicht umsonst würden sich auch Ärzte nach allen Seiten absichern, merkt Benedetto an.

Dass sich die Wintersaison nun langsam, aber sicher dem Ende zuneigt, kommt ihm ganz gelegen. Und das nicht ohne besonderen Grund.

Mangel an Chirurgen

Vier von zwölf Chirurgenstellen sind vakant: Das geht selbst einem so leidenschaftlichen Operateur wie Karl Benedetto an die Substanz. Doch Nachbesetzungen erweisen sich als extrem schwierig, weil es das bei uns gängige Berufsbild des Unfallchirurgen nicht überall gibt. In Deutschland beispielsweise wird diese Tätigkeit von Orthopäden ausgeübt. In der Schweiz wiederum ist für Vorarlberger Spitäler aus bekannten Gründen wenig zu holen.

Nach sechs Jahren auf dem Snowboard wollte ich es wieder einmal mit dem Skifahren probieren. Auch, weil unsere Zwillinge einen Skikurs besuchen. Ich dachte mir, es wäre doch schön, mit den Kindern gemeinsam unterwegs zu sein. Aber das Experiment mit den Alpinskiern ging leider daneben. Ich stürzte und das Kreuzband war ab. Ich glaube, ich steige auf das Langlaufen um. Da ist man sicherer auf den Beinen. Deise Schühle (32) aus Schruns
Nach sechs Jahren auf dem Snowboard wollte ich es wieder einmal mit dem Skifahren probieren. Auch, weil unsere Zwillinge einen Skikurs besuchen. Ich dachte mir, es wäre doch schön, mit den Kindern gemeinsam unterwegs zu sein. Aber das Experiment mit den Alpinskiern ging leider daneben. Ich stürzte und das Kreuzband war ab. Ich glaube, ich steige auf das Langlaufen um. Da ist man sicherer auf den Beinen.
Deise Schühle (32) aus Schruns
Ich habe mich bei einem selbst verschuldeten Sturz verletzt. Es hat mich auf zwei Hügeln ausgehoben, ich schlug einen doppelten Flickflack und blieb dann mit angerissenem Kreuzband und gebrochenem 12. Brustwirbel knapp vor einem Bach liegen. So gesehen hatte ich noch Glück. Die nächsten drei Monate werde ich nun ein Mieder tragen müssen, damit die Knochen wieder zusammenwachsen können. Aber mit dem Wintersport aufhören ist für mich kein Thema. Renè Häcki (38) aus Wallisellen in der Schweiz
Ich habe mich bei einem selbst verschuldeten Sturz verletzt. Es hat mich auf zwei Hügeln ausgehoben, ich schlug einen doppelten Flickflack und blieb dann mit angerissenem Kreuzband und gebrochenem 12. Brustwirbel knapp vor einem Bach liegen. So gesehen hatte ich noch Glück. Die nächsten drei Monate werde ich nun ein Mieder tragen müssen, damit die Knochen wieder zusammenwachsen können. Aber mit dem Wintersport aufhören ist für mich kein Thema.
Renè Häcki (38) aus Wallisellen in der Schweiz
Nomen est omen, könnte man bei mir sagen. Aber im Ernst: Ich fahre seit fünfzig Jahren Ski und das ist mein erster Unfall. Er passierte im freien Gelände. Ich bin auf einem steilen Bruchharschfeld gestürzt, etwa 50 Meter tief gefallen und dann auf einen Eisblock geprallt. Oberschenkel vierfach gebrochen und Gefäßabriss. Ich wurde zuerst ins LKH Bludenz geflogen, wo die Ärzte den Ernst der Lage sofort erkannten und mich nach Feldkirch verlegen ließen. Hier erfolgte die Operation. Nach acht Tagen auf der Intensivstation konnte ich auf die normale Station verlegt werden. Und da bleibe ich noch bis zum Ende dieses Monats. Ich muss sagen, die Mediziner verstehen ihr Handwerk. Sie haben das perfekt gemacht. Wäre der Unfall in Deutschland passiert, hätte ich mich nach Feldkirch bringen lassen. Dietrich Bruchmann (57) aus Karlsruhe
Nomen est omen, könnte man bei mir sagen. Aber im Ernst: Ich fahre seit fünfzig Jahren Ski und das ist mein erster Unfall. Er passierte im freien Gelände. Ich bin auf einem steilen Bruchharschfeld gestürzt, etwa 50 Meter tief gefallen und dann auf einen Eisblock geprallt. Oberschenkel vierfach gebrochen und Gefäßabriss. Ich wurde zuerst ins LKH Bludenz geflogen, wo die Ärzte den Ernst der Lage sofort erkannten und mich nach Feldkirch verlegen ließen. Hier erfolgte die Operation. Nach acht Tagen auf der Intensivstation konnte ich auf die normale Station verlegt werden. Und da bleibe ich noch bis zum Ende dieses Monats. Ich muss sagen, die Mediziner verstehen ihr Handwerk. Sie haben das perfekt gemacht. Wäre der Unfall in Deutschland passiert, hätte ich mich nach Feldkirch bringen lassen.
Dietrich Bruchmann (57) aus Karlsruhe