Kraftwerk soll Rheinfall verkleinern

Energiebedarf kontra Naturdenkmal: Kraftwerkspläne am Rheinfall arg in der Kritik.
Schaffhausen. Große Aufregung jenseits der Grenze: Der Kanton Schaffhausen plant ein zweites Rheinkraftwerk und will dafür die Rheinfälle nutzen. Die verlören Wasser und Kraft. Lässt die eidgenössische Energiepolitik so Europas größten Wasserfall zum Rinnsal verkommen?
Die Pläne kamen eben erst ans Licht. „Wir wollten später kommunizieren“, bedauert Martin Steiger seitens der Kraftwerbsbetreiber. Gerüchte gab es ja lange schon. Der Kanton Schaffhausen mit rund 78.000 Einwohnern deckt pro Jahr 270 Gigawattstunden seines Strombedarfs aus Wasserkraft. 260 Gigawattstunden liefern u. a. die Atomkraftwerke Beznau I und Leibstadt, die 2019 bzw. 2034 vom Netz sollen. Also lautet die Devise Stromsparen und Ersatz schaffen.
Stromerzeuger und Kanton einig
Die Stromkonzerne Axpo und EnAlpin betreiben gemeinsam das Rheinkraftwerk Neuhausen. Ein Strategiepapier des kantonalen Baudepartements vom 30. Jänner 2013 hält eine zusätzliche Stromproduktion von „maximal 66,6 Gigawattstunden pro Jahr“ für möglich. Dasselbe Papier schreibt einem neuen Rheinfallkraftwerk wenige Seiten später ein Potenzial von „60 bis 120 Gigawattstunden pro Jahr“ zu.
Das Wasser des Rheins stürzt vier Kilometer westlich der Stadt Schaffhausen 23 Meter in die Tiefe. Oberhalb des Wasserfalls beschreibt der Fluss eine Rechtskurve. Das geplante Kraftwerk käme auf der linken Flussseite zu liegen. Das Wasser würde oberhalb der Eisenbahnbrücke entnommen, in einem Stollen unter dem Schloss Laufen durchgeführt und unterhalb des Rheinfalls dem Fluss wieder zugeführt. Genaue Pläne geben weder Energieversorger noch Kanton bekannt. Schloss Laufen liegt im Kanton Zürich. Schaffhausener und Zürcher Behörden verhandeln bereits.
Die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission ENHK hat in einer Stellungnahme das Vorhaben gutgeheißen. Die „vertretbare gesamthafte Entnahmemenge des Mittelwasserabflusses“ beziffert Präsident Herbert Bühl mit „20 Prozent“. Der Kraftwerksbetreiber hätte gern mehr. Der Geschäftsführer des Aqua Viva – Rheinaubunds, Stefan Kunz, hält das alles für eine Katastrophe. Den Rheinfall der Energienutzung preiszugeben nennt der Naturschützer einen „absoluten Tabubruch“. Und fragt sich, „was wohl als Nächstes kommt“.
Der Aufschrei der Touristiker bleibt hingegen bescheiden: Zwar sagt der stellvertretende Direktor vom zuständigen Schaffhauserland Tourismus, Stefan Ulrich: „Meines Wissens nach wurden wir über die Pläne nicht informiert.“ Angesichts von jährlich 1,3 Millionen Besuchern sind die Rheinfälle doch von beträchtlichem touristischem Wert. Dennoch sieht Ulrich „keine direkte Gefährdung“ in den Kraftwerksplänen. „Es geht darum, dass man ein gutes Maß findet.“ Ulrich ist überzeugt, „dass der Rheinfall auch künftig das Spektakel bietet, das man sich von ihm erwartet.“ Seitens der Betreiber hält Verwaltungsratspräsident Martin Stieger eine spektakuläre Lösungsvariante parat: Er kann sich vorstellen, hauptsächlich bei Nacht Strom zu produzieren. Touristiker Ulrich gefiele das: „Unsere Gästeströme ebben sowieso gegen 18 Uhr ab.“
Zuallererst muss der Schaffhausener Kantonsrat am 6. Mai das Wasserwirtschaftsgesetz ändern. Dessen Artikel 19 verbietet nämlich eine weitere Wasserkraftnutzung des Rheins auf Schaffhausener Gebiet. Die Bestimmung geht auf eine Volksinitiative aus 1969 zurück. Denn die Nutzung der Rheinfälle stieß stets auf prominente Gegner. Selbst Hermann Hesse hat 1952 eine entsprechende Petition unterschrieben.
Für uns ist auch die Frage: Was kommt nach dem Rheinfall?
Stefan Kunz, Aqua Viva
Wir würden alles unterirdisch bauen. Pläne gibt’s noch keine.
Martin Steiger, Energiedienst
