Das Seeufer von der Bahn befreien

Bregenzer Genossenschaft für Unterflurlösung der Bahn: „Wir müssen jetzt handeln!“
Bregenz. Von seiner Wohnung aus überblickt der Bregenzer Pius Schlachter das Wellen- und Farbenspiel des Bodensees. Dann und wann rattert ein Zug durchs Bild. An den Wänden der Konditorei Götze erzählen alte Stiche davon, dass es einmal anders war. Ohne Bahn. So hätte es Schlachter gerne wieder. Das Seeufer vom Gleis befreit. Nur eine Illusion? Schlachter hat mit Gleichgesinnten am 5. April 2013 die Genossenschaft „mehramsee eGen“ gegründet. Ihr Ziel ist die Verlegung der Bahn unter die Erde. Und zwar zweigleisig. 60 Bürger haben in wenigen Tagen 300 Anteile á 20 Euro gezeichnet. So nimmt eine Bürgerbewegung Gestalt an, die bei der Zukunft des sensibelsten Fleckens der Landeshauptstadt „auf Augenhöhe“ mitreden will.
Schlachter ist am See groß geworden. Er hat 25 Jahre lang als Banker in Liechtenstein gearbeitet. Jetzt erlebt er, wie das „Jahrhundertbauwerk“ des Bregenzer Bahnhofs nach nur 24 Jahren ein abruptes Ende findet. Ehe fast an derselben Stelle ein Neubau die bestehende Bregenzer Infrastrukturmisere zementiert, wollen die Genossenschafter die Notbremse ziehen.
Er denkt schon lange darüber nach. Im Frühjahr ist Schlachter mit dem ehemaligen Vorstand der Schweizer Südostbahn die Bahnstrecke von St. Margrethen bis Lindau abgelaufen. „Ich habe ein privates Gutachten erstellen lassen.“ Natürlich stand dann auch das Totschlagargument gegen alle Veränderungsvisionen schwarz auf weiß auf dem Papier: „Wer die Bahn zweigleisig von der Leiblach bis zur Bregenzerach unterflur legen will, muss in Dimensionen von 900 Millionen Euro denken.“ Inklusive Haltestellen in Lochau, Bregenz-Hafen, Stadtbahnhof und Riedenburg.
Schlachter fand rasch Mitstreiter. Iris Hercher zum Beispiel, die vor zwei Jahren ihre Diplomarbeit über die Pipeline geschrieben hat. Den Werber Frank Mätzler und Peter Girardi, Chef der Neurologischen Rehabilitation SMO. „Ein Jugendfreund.“ Girardi pariert das Kostenargument mit seiner beruflichen Erfahrung: Er weiß von Schlaganfallpatienten, die genesen, „weil sie innere Bilder haben, die zukunftsfähig sind“. Bregenz ist in seinen Augen „ein typischer Schlaganfallpatient“. Der ewige Stau wirkt wie ein Pfropfen im Gefäß. Girardis zukunftsfähiges inneres Bild zeigt Bregenz und den See ohne die „Angstgrenze“ Bahn. An der ja mitunter auch Menschen sterben. Das vergisst man oft.
Schlachter und Girardi sind sich darin einig, dass die Politik das Dilemma nicht lösen kann. Politiker denken in Legislaturperioden. Die Tragweite solcher Entscheidungen aber reicht weit darüber hinaus. Die Eckpunkte ihrer Überlegungen lauten:
Bregenz wird übersehen
» Bregenz liegt in der Achse Zürich-München. „Aber in einschlägigen Fachvorträgen über den Bahnausbau kommt der Name Bregenz nicht einmal vor.“ Warum, fragt Schlachter, „muss ich mich erst Richtung Memmingen durchquälen für eine Anbindung ans Hochgeschwindigkeitsnetz?“ Hier wird Bregenz unter seinem Wert geschlagen. Touristiker müssten doch eigentlich großes Interesse daran haben, Gäste rasch und bequem ins Land zu bringen.
» Eine Unterflurlösung der Bahn in Bregenz zweigleisig anzudenken ist auch deshalb nötig, weil der Güterverehr massiv zulegen wird. Beim Eisenbahnsymposium in Bregenz 2010 war die Rede von 100 bis 250 Güterzügen, die 2020 wöchentlich durch Bregenz rollen werden. „Derzeit sind die Schranken 3,5 Stunden täglich zu, 2020 werden sie pro Tag zwischen sechs und neun Stunden geschlossen sein.“
» Schließlich „tun wir immer so, als ginge es hier um ein Bregenzer Thema“. Tatsächlich gehe es um eine Anbindung für den Großraum Rheintal mit 180.000 Einwohnern.
In ihrem Verkehrsleitbild hat sich die Stadt Bregenz dazu verpflichtet, „das kreative Potenzial der Bürgerinnen und Bürger“ zu nützen und diese in einen permanenten Optimierungsprozess einzubinden. Das nehmen die Genossenschafter nun wörtlich. Wer mitmachen will, kann beliebig viele Geschäftsanteile á 20 Euro erwerben. Aber jeder Genossenschafter hat nur eine Stimme. Politiker sind willkommen, Parteien als Ganzes nicht. „Wir wollen eine Bürgerbewegung werden.“ Die vielleicht bald schon nicht mehr zu überhören sein wird.
Wir wollen eine Sogwirkung erzielen und Schub von unten.
Pius Schlachter
Bregenz ist verkehrstechnisch ein typischer Schlaganfallpatient.
Peter Girardi

Mehr Informationen und Aufnahmeantrag für die Genossenschaft unter www.mehramsee.eu