„Schiefergas als Energiequelle darf man nicht ausschließen“

Ohne Fracking und Kernenergie geht es nicht, sagt der EU-Energiekommissar.
Lech. Energiepolitiker aus ganz Europa, Manager von Energiekonzernen und aus der Industrie diskutieren auf Einladung von EU-Kommissar Günther Oettinger in Lech beim Energy Forum über unsere Energiezukunft. Die VN sprachen mit Oettinger über Fracking, die Energiewende und seine Einschätzung der Energiezukunft.
Herr Oettinger, als Energie-kommissar stehen Sie vor fast unlösbaren Aufgaben ?
Oettinger: Der Energiesektor bringt Aufgaben und Kompetenzen für nationale Regierungen, auch für Bundesländer, aber wir sind schon in der Europäisierung der Energiepolitik. Dafür wurden eine Reihe von Rechtsgrundlagen geschaffen, Ziele wie 20 Prozent erneuerbare Energie, 20 Prozent höhere Energieeffizienz und 20 Prozent CO2-Emmissionsreduktion. Das sind verbindliche europäische Instrumente. Hinzu kommt, dass wir einen Energiebinnenmarkt haben.
Scheitert eine gemeinsame Energiestrategie nicht an den vielen nationalen Interessen?
Oettinger: Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber ein Unterschied bleibt im Strombereich. Die Entscheidung und die Technik ist Sache der Mitgliedstaaten. Konkret: Kernkraft ja oder nein, Kohlekraft wie lange und wie viel, Erneuerbare und deren Förderung – dies ist eine Kompetenz der Mitgliedstaaten. Und deswegen auch ein Grund für die Vielfalt bei der Stromgewinnung.
Die Energiewende in Deutschland kommt nur schwer voran, beispielsweise im Netzbereich. Drohen diese Schwierigkeiten auch in anderen Ländern?
Oettinger: In Deutschland ist die große Herausforderung, wie man die erneuerbaren Energien sinnvoll weiterentwickelt. Dafür ist ein völlig neues Leitungsnetz notwendig, das den Windstrom aus dem Norden in den Süden transportiert, aber auch um Photovoltaikstrom von privaten Gebäuden ins Netz zu speisen. Die Energiewende findet in Deutschland mit hohem Tempo statt, sie kommt aber auf alle Mitgliedstaaten zu. Bei der Infrastruktur haben wir das Problem, dass die Genehmigungsverfahren oft bis zu 15 Jahre dauern. Das ist entschieden zu lange. Deswegen haben wir eine Infrastrukturgesetzgebung vorangebracht, die festlegt, dass so ein Verfahren nicht länger als dreieinhalb Jahre dauern darf, zumal viele andere Entwicklungen im Energiebereich entscheidend von der Infrastruktur abhängen.
Stichwort Fracking: Nach dem Boom in den USA nimmt der Druck auch in Europa zu …
Oettinger: Der Gaspreis in den USA ist derzeit nur ein Viertel so hoch wie in Europa. Gas ist für die Industrie und für die Gewinnung von Strom ein immer wichtigeres Instrument. Deshalb müssen wir alles tun, um im Gasmarkt wettbewerbsfähiger zu werden. das heißt, wir müssen den Gaspreis von der Ölpreisindexierung lösen, wir brauchen mehr Wettbewerb. Wenn die bisherigen Quellen in zehn bis 15 Jahren versiegen, brauchen wir einen Vorrat an unkonventionellem Gas. Energie, Infrastruktur und Industrie sind notwendig, bringen aber auch immer Belastungen mit sich. Wenn wir unseren sozialen Wohlstand halten wollen, dann brauchen wir bezahlbare Energie. Deswegen kann man Schiefergas nicht kategorisch ausschließen.
Kennen Sie die Pläne am Bodensee? Wie stehen Sie dazu?
Oettinger: Wir werden bei den Pilotprojekten dem Boden- und Grundwasserschutz sowie dem Trinkwasser höchste Bedeutung zumessen. Am Bodensee als Trinkwasserreservoir und Naturjuwel darf man kein Risiko eingehen. Aber es gibt genügend Gebiete, auch in Deutschland und Österreich, wo die Option ohne Risiken genutzt werden kann.
Wie sehen Sie persönlich die Energiezukunft Europas?
Oettinger: Wir müssen zum Ersten Energie zielgenauer verwenden und zum Zweiten brauchen wir mehr erneubare Energiequellen und können nicht auf Kohle, Gas und Erdöl verzichten. Und ich sage es einfach der Ehrlichkeit halber: Es wird auch weiter einen Anteil an Kernkraft geben.
Wenn wir unseren Wohlstand halten wollen, können wir Schiefergas nicht kategorisch ablehnen.
Günther Oettinger
Zur Person
Günther Hermann Oettinger
ist seit dem 10. Februar 2010 EU-Kommissar für Energie. Zuvor war er von 2005 bis 2010 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.
Geboren: am 15. Oktober 1953 in Stuttgart
Ausbildung: studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Rechtsanwalt in der eigenen Kanzlei.