Fracking: „Haben Thema verschlafen“

Probebohrung führt direkt unter den Genfer See. Kantone sind in ihrer Haltung uneinig.
Bern. Darin sind sich Gegner und Befürworter in der Schweiz einig: Die Suche nach Schiefergas soll landesweit geregelt werden. Gefördert würden entdeckte Gasvorkommen, wenn nötig, durch Fracking, das seit anderthalb Jahren in aller Munde ist. Nur nicht in der Schweiz.
Während in Deutschland und Österreich heftig über die Fördermethode gestritten wird, blieb es in den Kantonen lange ruhig. Allmählich sickern nun Bestrebungen der Energieversorger durch, teils mit US-amerikanischer Hilfe auch in der Ostschweiz auf die Suche nach dem kostbaren Gas zu gehen (die VN berichteten).
Im Herbst will die SEAG so weit sein und Probebohrungen beantragen. Die Aktiengesellschaft für schweizerisches Erdöl will für die Ostschweizer Kampagne 15,5 Millionen Franken einsetzen. Ihre Hoffnungen auf konventionelles Gas oder Schiefergas wird durchaus geteilt. Am Bodensee wollen britische Konzerne nach Erdgasvorkommen suchen, die in 2000 bis 3000 Metern Tiefe in dichtem Gestein eingeschlossen sind. Die Schweizer Firma Petrosvibri wiederum hat bereits Ende 2012 am Genfer See eine Tiefbohrung direkt am Ufer abgeteuft. Sie sind von allen wohl am weitesten.
Unter den See gebohrt
Laut Projektleiter Werner Leu lag der Bohransatzpunkt etwa 300 Meter vom Seeufer entfernt. „Wir sind bis auf 4300 Meter in die Tiefe gegangen.“ Mehrfach wurde die Bohrung dann abgelenkt und 2,5 Kilometer weit unter den Genfer See geführt. In 3500 Metern Tiefe vertikal unter der Wasseroberfläche fanden die Bohrleute Gas. Sogenanntes „Tide Gas“. Dicht im Sandstein eingeschlossen.
Wie geht es weiter? „Wir haben ein Testprogramm vorbereitet.“ Noch diesen Monat will die Petrosvibri entscheiden, ob sich der Aufwand lohnt. „Dann wollen wir prüfen, ob sich das Gas mit oder ohne Stimulation gewinnen lässt.“ Das heißt also mit oder ohne Fracking? Leu betont, es gebe „eine ganze Palette von Fracks“. Gemeinhin sagt man, dass sich Gas aus Schiefer oder Sandstein nur herauslösen lässt, indem Risse im Gestein erzeugt werden – mit hohem Druck und bisher meist mit einem Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien. Wie viel Chemie zum Einsatz kommt, das variiert.
Die SEAG, die in der Ostschweiz Gas suchen will, hat Anfang 2013 verlauten lassen, dass ihr texanischer Partner eCorp Stimulation Technologies in einem Feldversuch Schiefergas nur durch Einleitung von reinem flüssigem Propan aus einer Tiefe von 5950 Fuß (1814 Meter) gewonnen hat. Die Technologie verändere sich eben.
Kantone völlig uneins
Und doch wachsen die Bedenken. Die grüne Nationalrätin Aline Trede holte sich mit ihrer Idee eines bundesweiten zehnjährigen Moratoriums eine Abfuhr, „weil die rechtliche Grundlage dafür gar nicht gegeben ist“. Grund und Boden liegen in der Kompetenz der 26 Kantone. Und die ticken ganz unterschiedlich. Selbst die Verbote, die drei Kantone ausgesprochen haben, lassen auf den zweiten Blick Hintertürchen erkennen. So hat die Regierung des Kantons Waadt 2011 eine Suspendierung aller Bewilligungen zur Erforschung von Schiefergas beschlossen. Mit dem Zusatz: „jusqu’à nouvel ordre“, bis auf Weiteres. Einzig im Kanton Freiburg hat sich der Staatsrat im April darauf verständigt, die Erkundung von Kohlenwasserstoffvorkommen „vollständig und auf unbestimmte Zeit auszusetzen“.
Aline Trede weiß, dass die kantonalen Parlamente ihre Verbote „ganz schnell kippen können“. Selbst die Umweltverbände „haben das Thema verschlafen“, bedauert sie. Schützenhilfe erhält sie vom SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Der sagt klipp und klar: „Solange die Technologie nicht ausgereift ist, ist das einfach zu gefährlich für uns.“ Auch er befürwortet eine schweizerische Nachdenkpause von fünf bis zehn Jahren. Ende Mai werden österreichische Nationalräte zu einem Freundschaftstreffen in Bern und Basel erwartet. „Dort wird Fracking ein Thema sein.“ Reimann hat schon 50 Ostschweizer Nationalräte aus allen Parteien zur Unterschrift bewogen, damit der Bundesrat sich international gegen Fracking einsetzt.
Solange die Technologie nicht ausgereift ist, ist es zu gefährlich.
Lukas Reimann (SVP)

Stichwort
Moratorium
Ein Moratorium (von lateinisch morari ‚verzögern‘, ‚aufschieben‘) ist allgemein die Entscheidung, eine Handlung aufzuschieben oder zeitlich befristet zu unterlassen oder ein Abkommen vorübergehend außer Kraft zu setzen.