Wie man der Verführung zur Maßlosigkeit lustvoll widersteht

Nico Paech will eine Welt, die sich zurücknimmt. Er selber macht schon mal den Anfang.
Götzis. Das müsste ein Spaß sein, mit Nico Paech durch so einen Konsumtempel zu schlendern, und links und rechts legte er seine launigen Kommentare neben die „Sonderangebotsschilder“. So was wie „Bequemokratie“ oder mit einem Blick auf die neue Ökolinie – mit belustigtem Unterton: „Nachhaltigkeitsschickeria“. Aber so lustig ist das nicht, denn Nico Paech, Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher an der Universität Oldenburg, verkündet nichts weniger als den Weltuntergang. Präziser: Den Untergang jener Welt, an die wir uns gewöhnt haben und so verzweifelt klammern.
Dieser Welt voller Smartphones und iPads, Flachbildfernseher und Sportwagen. Der Welt, in der alles wächst, unaufhaltsam. Selbst die nichterneuerbaren Ressourcen machen mit. Wie, kein Öl, kein Gas mehr da? Aber wir haben ja Fracking. Alles kann also weitergehen wie bisher, zumindest ein paar Jahre noch. „Es geht schon lange nicht mehr darum, vor diversen Kollapsen zu warnen“, sagt Paech, „sondern nur mehr darum, wie wir sie gestalten.“ Wenn es nach ihm geht, maßvoll und fröhlich. „Doch, das geht“, sagt Paech.
Zwei Räder und Werkzeug
Nico Paech ist 52 Jahre alt. Er besitzt kein Auto, aber zwei Fahrräder. „Die sind schon ziemlich alt, aber bestens in Schuss.“ Der Universitätsprofessor pflegt sie nämlich selber. „Da ist nichts mehr, was ich nicht schon selber repariert hätte.“ Nico Paech kann auch Kugellager austauschen und Felgen auswechseln; „ist ein Hobby von mir“. Außerdem besitzt Paech eine Bahnkarte. Mit dem Zug kam er auch nach Götzis. Das letzte Wegteil zu Fuß nach St. Arbogast hat ihm Spaß bereitet.
In einem Flugzeug saß er nur einmal in seinem Leben. „Obwohl man Nachhaltigkeitsforschern Flugtickets ja nachwirft.“ Mal eben zur Gastvorlesung nach Peking oder für einen Vortrag nach Los Angeles. Oder die jüngste Einladung nach Washington, zum Weltklimarat. Das wär doch was! Paech hat sich artig bedankt und abgelehnt. Klar wären das Verlockungen. „Aber so anmaßend bin ich nicht. Zu glauben, ich sei so wichtig, dass wegen mir ein paar Tonnen CO2 freigesetzt werden“, da lacht er gewinnend und schüttelt den Kopf.
Aber auf welchem Planeten landen wir, wenn wir aufhören, uns so wichtig zu nehmen? Wenn wir nicht mehr weitermachen wie bisher mit schier unbegrenztem Konsum? Paechs Gegenentwurf einer Postwachstumsökonomie verlangt, industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken. Genügsamer zu wirtschaften, damit aber auch stabiler und ökologisch verträglicher.
Die Menschen würden sich in einer solchen Welt maßvollere Lebensstile angewöhnen. Die einen schafften das aus eigenem Antrieb, und sie würden plötzlich unabhängig von Staat und Markt erkennen: „Das Wenige ohne Geld durch eigene Leistung zu reparieren, ist das Maximum an Freiheit.“
Den anderen aber, denen die Angst im Nacken sitzt vor tristen Tagen ganz ohne ihre vertrauten Statussymbole, könnte schon die Erkenntnis helfen, „dass Angst immer eine Deutung ist, eine Interpretation. Etwas, das ich mir einbilde.“ In Wahrheit fürchten sich die meisten Menschen davor, „doof dazustehen“. Wenn einer nicht mehr fliegt oder kein Fleisch mehr isst, hat er oft noch Probleme, das zuzugeben. Da findet Nico Paech die Lage in Griechenland ganz heilsam: „Die müssen jetzt Konzepte finden, wie sich die Zivilisation aufrechterhalten lässt, obwohl die Wirtschaft schrumpft.“
Paech referierte gestern bei den „Tagen der Utopie“ in St. Arbogast. Wenn er unentwegt dafür wirbt, dass wir endlich unsere Konsumsucht über Bord werfen sollen, und doch sieht, wie das bunte Treiben weitergeht, kommt er sich da nicht manchmal wie ein Narr vor? „Ach, wissen Sie, bei der nächsten Ölpreiserhöhung bleibt Ihnen schon das Lachen im Munde stecken.“
Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht.
Nico Paech
Literaturtipp
Befreiung vom Überfluss
Nico Paech beschreibt den Weg in die Postwachstumsökonomie lustvoll und ohne Umschweife: „Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht.“ Erschienen im Oekom-Verlag, April 2012, 155 Seiten, gebunden, Preis 14,95 Euro