„Woanders geht das ja auch“

Seeufer von der Bahn befreien – Die Genossenschaft „mehramsee“ wächst.
Bregenz. Sie lassen nicht locker. Rund um den Bregenzer Pius Schlachter haben sich inzwischen rund 160 Genossenschafter gefunden, die gemeinsam mit über 900 Anteilen die Plattform „mehramsee eGen“ mittragen. Die verfolgt zuvorderst ein Ziel: Verlegung der Bahn unter die Erde. Und zwar zweigleisig. Das würde Vorarlbergs Landeshauptstadt wieder an den See heranführen und der Bahnstrecke Zürich–München via Bregenz den gebührenden Stellenwert einräumen.
Dass er selber direkt am Bahngleis ein 2000 Quadratmeter großes Grundstück besitzt und auf jeweils 200 Quadratmetern zwei vierstöckige Häuser bauen möchte, verhehlt Schlachter gar nicht. „Natürlich agiere ich aus meiner Betroffenheit heraus.“ Aber das allein ist es nicht. Die Bahn zwischen Leiblach und Bregenzerach zweigleisig samt Bahnhöfen unter die Erde zu verfrachten, würde an die 900 Millionen Euro oder mehr kosten. Eine solche Unterflurlösung denkt nur an, wer davon überzeugt ist, dass die künftige Zunahme von Gütertransporten auf der Schiene die Investition rechtfertigt. Wer da ernsthaft gedanklich einsteigt, hat eine Anbindung des Großraums Rheintal mit 180.000 Einwohnern im Auge.
Den Nutzen analysieren
Deshalb wächst die Initiative Schlachters auch. „Wir haben zahlreiche Gespräche geführt.“ Niemand habe sie für verrückt erklärt. Um dem Killerargument der Kosten zu begegnen, werden Schlachter und seine Mitstreiter wie Peter Girardi nun Volkswirtschaftler an den Hochschulen St. Gallen und Linz beauftragen, den volkswirtschaftlichen Nutzen der Idee zu untersuchen. Girardi und Schlachter haben nach Beispielen gesucht und sind in Düsseldorf und Maastricht fündig geworden. Die Westfalen-Metropole hat ihre Rheinuferpromenade in den 1990er-Jahren gerettet und die komplette Bundesstraße unter die Erde verlegt. Maastricht will durch ein gigantisches Tunnelprojekt ab 2016 stattliche 80 Prozent des bisherigen Verkehrsaufkommens auf der Stadtautobahn A2 unter die Erde bringen.
Sich die Lösung nicht verbauen
Zugegeben, so utopisch das Vorhaben anmutet, ein von der Bahn befreites Seeufer hat was. Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser will sich deshalb die volkswirtschaftlichen Analysen „genau anschauen“. In Blickrichtung Seestadt sagt das für Wirtschaft zuständige Regierungsmitglied: „Unsere Verpflichtung ist es, alle Initiativen so anzulegen, dass es einer kommenden Generation nicht verwehrt wird, ein bahnfreies Seeufer zu realisieren.“ Kurz- oder mittelfristige Lösungen hält er für eine Illusion.
Wenn sich bei der Festspieleröffnung die Minister die Bregenzer Türklinke in die Hand drücken, wird Rüdisser aber ein anderes Thema ansprechen. „Den Zugang der Seestadt zum Festspielgelände find’ ich viel dringlicher.“ Die Überführung ist heute schon „für die 10.000 Menschen am Tag zu klein. Außerdem regnet es rein.“ Eine attraktive Unterführung zu den Bahnsteigen würde etwa 13 Millionen Euro kosten. Dafür will er sich einsetzen.
Die Analysen müssen wir uns auf jeden Fall gut anschauen.
LR Karlheinz Rüdisser

Mehr Informationen und der Aufnahmeantrag für die Genossenschaft unter www.mehramsee.eu