Die letzten Juden in den Tod geschickt

Vorarlberg / 08.11.2013 • 19:03 Uhr
Die ehemalige Hohenemser Synagoge wurde Mitte der 1950er-Jahre in ein Feuerwehrhaus umgebaut. Foto: Jüdisches Museum/ Arno Giesinger
Die ehemalige Hohenemser Synagoge wurde Mitte der 1950er-Jahre in ein Feuerwehrhaus umgebaut. Foto: Jüdisches Museum/ Arno Giesinger

Das Ende der verbliebenen kleinen jüdischen Gemeinde dauerte zwei Jahre.

Hohenems. „Tatsächlich gibt es aus den Novembertagen 1938 keine Quellen“, bestätigt Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems. Zwar hetzte das Vorarlberger Tagblatt wie alle gleich geschalteten Medien der Nazis lange schon. Aber in der Nacht vom 9. auf den 10. November blieb es in Hohenems eigenartig ruhig.

Nur ein Vorfall wird berichtet. Loewy hat einmal einen Blick auf ein Gerichtsurteil der Nachkriegszeit werfen dürfen. „Offenkundig hatten ein paar Hohenemser Burschen in dieser Nacht Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Hohenems umgestoßen. Die französischen Besatzungsbehörden verurteilten sie nach dem Krieg dazu, die Steine wieder aufzurichten.“ Sie sollen einer prominten Familie angehört haben. Das Urteil verschwand aus dem Gedächtnis.

Woanders also brannten die Bethäuser, und Menschen wurden durch die Straßen getrieben. Und war in Hohenems alles ganz anders? Aber der Schein trügt: Der Sozialwissenschaftler Kurt Greussing denkt, dass die Hohenemser Synagoge nur deshalb verschont blieb, weil bei der dichten Hohenemser Ortsverbauung die halbe Stadt abgebrannt wäre.

Die letzten Juden werden in der Folge einer nach dem anderen vertrieben. Als erster wurde Alois Weil bereits am 23. Juni 1938 ins Konzentrationslager Dachau deportiert und dort kaum zwei Monate später umgebracht. Sein Bruder Harry konnte sich mit der Familie 1939 nach New York in Sicherheit bringen.

Der Fotograf Markus Silberstein wird 1939 verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Später kommt er nach Sachsenhausen, 1942 wird er im KZ Groß-Rosen ermordet.

Eigens ein Pass ausgestellt

Die Deportation Clara Heymanns scheitert zunächst an einem bürokratischen Hemmnis. Die 74 Jahre alte Frau ist nämlich staatenlos. In aller Eile bastelt der Hohen­emser Bürgermeister Josef Wolfgang ein eigenes Reisedokument, das die betagte Hohenemserin als Jüdin ausweist. So wurde sie über Wien ins KZ Theresienstadt deportiert und dort zu Tode gebracht. Mit der erzwungenen Abreise der Familie Elkan und der letzten vier jüdischen Frauen geht 1940 die 300-jährige Geschichte jüdischen Lebens in Hohenems zu Ende. Die Synagoge wird 1954/55 in ein Feuerwehrhaus umgebaut.

Markus Silberstein: Er war Fotograf und wurde 1942 ermordet.
Markus Silberstein: Er war Fotograf und wurde 1942 ermordet.