Lauter kleine Versuchsobjekte

Rund 400 Vorarlberger Kinder haben auf Nowak-Vogls Station gelitten.
Innsbruck. Als sich die Öffentlichkeit im Februar 2012 der Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation von Maria Novak-Vogl erinnerte, schwappte ein besonders grausliges Kapitel an Erziehungsverbrechen über den Arlberg. Jetzt hat eine Expertenkommission die Geschehnisse aus über 30 Jahren aufgearbeitet. Und bei den Details stockt einem der Atem.
Die Innsbrucker Fürsorgeärztin und Psychiaterin Maria Nowak-Vogl hat ihre Kinderbeobachtungsstation 1954 gegründet und bis zu ihrer Pensionierung 1987 geleitet.Die Tochter eines Richters hat in den 1940er-Jahren maturiert und den Abiturientenkurs der Lehrerbildungsanstalt besucht. Sie ging trotz aller Kritik geehrt und hoch dekoriert in den Ruhestand.
Die Wahrheit über ihr Schreckensregime haben nun Historiker, Erziehungswissenschaftler, Psychiater und ein Pharmakologe ans Licht gebracht. Insgesamt liegen 3650 Krankengeschichten von Kinderpatienten vor. Sie kamen aus Tirol, Südtirol, Salzburg, Bayern und der Schweiz, rund 400 Kinder wurden aus Vorarlberg nach Innsbruck überwiesen. „Im Durchschnitt waren die Kinder sechs bis acht Wochen bei Nowak-Vogl“, erzählt die Innsbrucker Erziehungswissenschaftlerin Michaela Ralser. „Die meisten wurden von der Jugendwohlfahrt zur Überprüfung auf die Kinderbeobachtungsstation geschickt.“ Auch Erziehungsheime überwiesen Patienten nach Innsbruck.
Nichts als Verbote
Was sie dort erwartete, spottet jeder Beschreibung. „Dass sie Kindern sehr aversiv begegnet ist und eine sehr repressive Heilpädagogik vertreten hat“, ist für Ralser jetzt zweifelsfrei erwiesen. Für ihr Heim in Hötting, in dem sie bis 1979 uneingeschränkt herrschen durfte, enwickelte sie eine Hausordnung aus 300 Punkten. Selbst das Aufsuchen der Toilette war reglementiert. Da liest man u. a.: „Das Morgenturnen ist an jedem einzelnen Tag Pflicht! Morgenturnen heißt Freiübungen – Gymnastik machen. Spielen ist dabei ausdrücklich verboten. Vor dem Lichtauslöschen müssen alle Kinder auf das Clo, ob sie wollen oder nicht.“ Und an anderer Stelle: „Privatbücher und Privatspielzeug, auch persönliche Puppen darf ein Kind bei uns nur dann behalten, wenn ausdrücklich darüber gesprochen worden ist.“
Um die kindliche Sexualität abzuwehren, spritzte sie selbst kleinen Kindern das „triebhemmende“ Mittel Epiphysan, ein Hormonpräparat, das in der NS-Veterinärmedizin entwickelt worden ist. „Gott sei Dank wissen wir heute, dass das Medikament nicht nur verrückt und sinnlos, sondern in den verabreichten Konzentrationen auch wirkungslos war.“
1979 übersiedelte Nowak-Vogls Station in die Innsbrucker Universitätsklinik für Psychiatrie. „Das bedeutete einen Autonomieverlust für Maria Nowak-Vogl“, so Ralser. Aber selbst, als ein Fernsehbericht die Missstände auf der Station bekannt machte, wurde die Leiterin nicht abgesetzt. Die Lage verbesserte sich etwas, nachdem der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Kornelius Kryspin-Exner, die Verabreichung von Epiphysan verbot und die repressive Hausordnung außer Kraft setzte. Die Universität, an der Nowak-Vogl bis zum Schluss unterrichtete, reagierte spät. Erst 1987 wurde ihr die beantragte Verleihung eines Professorentitels von der philosophischen Fakultät verweigert.
Die Verabreichung von Epiphysan war einfach verrückt.
MIchaela Ralser
