Wo Schulkinder Selbstwert lernen

Das Projekt „Los ane“ zeigt Kindern, wie sie stark mit ihren Teillernschwächen umgehen.
Dornbirn. Jedem zehnten Kind geht es wie Nathalie. Eben reckt die Zehnjährige den Finger in die Höhe. Sie will was sagen. Aber das war nicht immer so. Als „unsicheres, total schüchternes Kind“ hat ihre Lehrerin Angelika Leimser das Mädchen kennengelernt. „Sie hat sich nie an die Tafel getraut, weil ihre Antworten eh falsch sein würden.“ Nathalie hat eine Rechenschwäche. Aber seit sie die Gruppe „Los ane“ besucht, ist alles anders. Werden da Teillernschwächen in Stärken verwandelt? Beinah.
Der Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Peter Oswald und die Sozialberaterin Julia Murnig haben „Los ane“ gegründet. Kinder lernen, mit ihren Schwächen selbstbewusster umzugehen.
Die Gruppe an der Volksschule Dornbirn Rohrbach umfasst zurzeit vier Kinder. Mittwochnachmittag, 14 Uhr: Trainerin Judith Rhomberg hat sich Geschichten bereitgelegt. Die Kinder kommen überpünktlich. Sie laufen ins Zimmer wie kleine Wirbelwinde. Ihre Gefühlswetterlage? „Fröhlich“, sagt Michelle, und Lucca ist „ganz aufgeregt“. Schon haben es sich die Kinder mit Kopfpolster auf dem Boden bequem gemacht. Und Judith Rhomberg liest: Vom kleinen Zwerg, der sich nichts zugetraut und dann doch Außergewöhnliches geleistet hat. Oder von Fips, dem Nasenbären. Der möchte so gern fliegen. Ob er das schafft? Im Zauberreich, wo die Giraffe den Tower und der Pavian den Fluglotsen gibt, scheint alles möglich.
Freundschaft erleichtert vieles
Vor allem hat Fips Freunde. Michelle weiß, wie sehr das helfen kann. Saltos am Trampolin gelangen ihr erst, „als alle mich angefeuert haben“. Oder beim Seilklettern: „Drei Knöpfe bin ich hochgekommen.“ Das hätte sie nie gedacht. Aber ihre Freunde haben sie beflügelt. Freundschaft. Nicht allein sein. Darum geht es. Streiten die denn nie? Oh doch. Nathalie erzählt davon, wie schwer Versöhnung fallen kann. „Da kochst du wie ein Suppentopf.“ „Dann trink halt ein Wasser“, entgegnet Michelle, und Lucca prustet los.
Es ist kaum zu glauben, dass diese Kinder einmal völlig in sich gekehrt waren, gehänselt wurden, unter Schwächen litten. Marion Mühlbacher, Nathalies Mutter, hat das alles noch vor Augen: „In der zweiten Klasse hat man die Rechenschwäche festgestellt.“ Oft haben sie ganze Nachmittage über den Rechenaufgaben gebrütet, vergebens. „Heute ist es viel besser.“ Nathalie arbeitet selbstständig. „Früher kam sie sich so dumm vor.“ Heute kommt sie aus sich heraus. Sie hatte Angst vor der Schule. Heute geht sie gerne hin. Sie hat dort Freunde. So wie Lucca und Michelle auch.
Nathalies Lehrerin, Angelika Leimser, erweitert das Selbstwertgefühl, das „Los ane“ vermittelt, in ihrer Klasse ganz gezielt. In Mathe sind die Besten Trainer, alle anderen Sportler. Und Trainer helfen Sportlern, oder? An Nathalie freut Leimser am meisten, „dass das Kind heute völlig unabhängig davon agiert, was gerade Trend ist in der Klasse“.

Stichwort. Projekt ,,Los ane“
Das Gruppentraining „Los ane“ umfasst jede Woche an einem Nachmittag zwei Einheiten à 45 Minuten à 15 Euro. Elternabende sind im Preis inbegriffen. Die Trainerinnen arbeiten mit Gruppen bis zu acht Kindern. Kontakt Mag. Julia Murnig, MSc, Tel. 0650 4450500, jm@losane.at