Echte Christkinder sind völlig zeitlos

Das „Postfach für jeden“ bringt 800 Mal Weihnachtsfreude auf die Reise.
Dornbirn. Es mag ein Schock sein, aber das Christkind hat gar kein lockiges Haar und trägt auch kein blütenweißes Hemdchen. Es kann vielmehr trotz seiner 74 Lenze noch ordentlich zupacken, heißt Josef „Bepo“ Rusch und ruft mit markiger Stimme Adressen quer durch die Halle. Hinüber zum anderen Christkind namens Ulrich Winder (79), der einen blauen Mantel trägt, als hätte er seinen Fahrzeughandel nie zugunsten der Pension verlassen. Nur „d’Brülla“ trägt er gerade nicht und verliert deshalb beinahe den Überblick. All die anderen Christkinder spornt das zu mancherlei Scherzen an. Das geht gut nebenbei, weil die flinken Hände ja wissen, was zu tun ist: Zwei Tage lang schnüren mehr als 20 Frauen und Männer „Weihnachtspäckle“. Mit Christstollen und Zucker, Mehl und Keksen. 800 Pakete insgesamt. Das „Postfach für jeden“ sorgt dafür, dass es auch an jenen Adressen weihnachtlich wird, wo ein grauer Alltag sonst wenig Licht erkennen lässt.
„2 EW 6 Ki“ steht auf Ulrich Winders Liste, „zwei Erwachsene, sechs Kinder“. Achtköpfige Familien sind gar nicht so selten. Aber deutlich zugenommen haben die Singles. „Vor allem die Mindestrentner“, erklärt Ilse Albl, „Leute, die ganz allein sind.“ Albl organisiert die Weihnachtspäckle-Aktion seit vielen Jahren schon. „1 EW ohne Kochen“ lautet ihre nächste Regieanweisung. Menschen, die keine Kochgelegenheit haben, erhalten einen kleinen Weihnachtsstollen, Tee, Kaffee, Käse, Fisch- und Fleischdosen. Und den Zettel. Der liegt in jedem Paket obenauf. Darauf können die Empfänger die Weihnachtsbotschaft lesen. Den Sinn dieser heiligen Nacht in ganz irdische Worte verpackt: „Es gibt auch in der heutigen Zeit noch Menschen“, steht da, „die nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere denken. Darum ist es uns möglich, Ihnen mit diesem Paket ein wenig Freude zu machen.“ Fröhliche Weihnachten wünscht das Postfach für jeden.
Kurz nach zehn wirft Armin Fessler sich eine Jacke über und nimmt die Treppe in wenigen Schritten. Der Seniorchef der kleinen Textilmanufaktur geht selber die Jause holen, das lässt er sich nicht nehmen. Seit vier Jahren räumt das fünfköpfige Unternehmen immer vor Weihnachten sein Lager und das Musterzimmer und macht zwei Tage lang den Helfern des „Postfachs für jeden“ Platz und verköstigt sie auch. Die Fesslers und Russ-PreisTrägerin Maria Thurnher, die das Postfach 1975 gegründet hat, sind ein eingespieltes Team. „Selbst unsere Kunden wissen schon Bescheid, dass es vor Weihnachten mitunter etwas länger dauern kann, weil unser Lagerraum anderweitig benutzt wird“, sagt Juniorchef Alexander Fessler, „und haben Verständnis.“
Spenden wie lange nicht
Drunten im Lager hat sich ein Duft von heißem Leberkäs breitgemacht. Beherzt greifen die Helfer zu, die kommenden Stunden werden’s in sich haben. Dankbarkeit mischt sich in die Gespräche. „Private haben heuer so viel Lebensmittel gespendet wie schon lange nicht mehr“, sagt Ilse Albl. In Spar-Geschäften waren sie aufgerufen, ein paar Dinge für Bedürftige mitzukaufen. Firmengaben wie Stollen von Ölz, Käse von Rupp, Wurst von efef kamen hinzu. „Die Kartons hat die Firma Flatz gespendet.“ Heuer stieß die Aktion überall auf offene Ohren.
So packen die Dornbirner Christkinder bald wieder mit neuem Elan an: Hanni Agostini (73) und Liebhilde Pregenzer (74) und all die anderen, die nicht lange fackeln, sondern es einfach Weihnachten werden lassen, an 800 verschiedenen Orten, irgendwo in Vorarlberg.
Private haben heuer so viel gespendet wie lange nicht mehr.
Ilse Albl


