Rinder gegen Lawinen

Die Skilifte Lech halten Schottische Hochlandrinder – um Lawinen vorzubeugen.
lech. „Da ist ja mein Schatz!“ ruft Michael Manhart gleich, als wir das Auslaufgehege des „Schottenhofes“ erreichen. Er steuert auf eine große Kuh mit langen, braunen Haaren zu, greift ihr an die Hörner und tätschelt ihr leicht den Kopf. Kurz lässt sie sich die Liebkosung gefallen, dann reißt sie den Kopf los. Der 71-Jährige lacht: „Sie ist halt ein bisschen wild.“
Wir befinden uns 1760 Meter über dem Meeresspiegel. Hier, am Schlosskopf, betreiben die Skilifte Lech den „Schottenhof“. Bevölkert wird er von 23 Schottischen Hochlandrindern. Im Laufe dieses Jahres sollen es aber bis zu 30 Tiere werden. Platz dafür ist reichlich vorhanden: Über den Sommer hat Skilifte-Lech-Geschäftsführer Manhart in Windeseile den neuen Kuhstall errichten lassen. Im Juni des Vorjahres erfolgte der Baubescheid, knapp vier Monate später war der Stall bezugsfertig.
Die Rinder erfüllen in diesen luftigen Höhen einen ganz speziellen Zweck. Sie helfen nämlich, der Bedrohung durch Lawinen vorzubeugen – durch Rekultivierung der Steilhänge. Das funktioniert folgendermaßen: Die Tiere fressen überständige Vegetation inklusive Buschwerk, erklärt Manhart. „Ihre Huftritte bilden zudem Widerlager für die rutschgefährdete Schneedecke.“
Der Einfall kam Manhart schon Mitte des letzten Jahrzehnts. Damals gab es Probleme mit Schneerutschen auf landwirtschaftlichen Flächen, die nicht bewirtschaftet wurden. Eines Tages beobachtet Manhart am Kriegerhorn Schottische Hochlandrinder dabei, wie sie mühelos am Fels entlang balancieren. Zuerst ist er nur fasziniert, irgendwann hat er eine Idee. Er überzeugt die Skilifte Lech, und schon kurz darauf – im Herbst 2008 – wird ein Stall mit sechs Rindern und einem Stier eröffnet. Fünf Jahre später öffnet der „Schottenhof“ Tür und Tor.
Neun von zwölf Monaten verbringen die Rinder im Stall bzw. Gehege, die restlichen drei laben sie sich an den Wiesen oberhalb von Lech. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Zähigkeit der Tiere dar. „Stacheldraht und Elektrozaun sind denen völlig egal“, sagt Manhart. Um sie in die Schranken zu weisen, verlässt man sich dennoch auf einen Elektrozaun. Und gelegentlich ein Stück Salz. „Da kommen sie nämlich alle gerannt“, schmunzelt Manhart.
Betrieb kostendeckend
Das Projekt „Schottenhof“ ist übrigens vollkommen kostendeckend. Der Nahrungsbedarf der Tiere hält sich mit 12 Kilogramm Heu pro Tag und Rind in Grenzen. Bei einem Heupreis von 0,23 Euro je Kilogramm macht das etwas mehr als 20.000 Euro im Jahr aus. Die Stiere aus der Zucht werden mit drei Jahren geschlachtet und in der betriebseigenen Gastronomie verkauft. Außerdem erhalten die Skilifte Lech Flächenprämien für die Bewirtschaftung der Agrarflächen.
All das sind Gründe dafür, dass Manhart sein Modell für zukunftsweisend erachtet. Allerdings werde es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich das Konzept in Vorarlberg durchsetzt. „Das lässt der Vorarlberger Stolz nicht zu, dass da schottische Rinder auf den Wiesen grasen.“ Zumindest einen Teilsieg konnte er mittlerweile verbuchen. Nach mehrjährigem Kampf wurden die Skilifte Lech jetzt als Landwirte im gewerberechtlichen Sinn anerkannt.