Ostschweiz hält sich Türe offen

Ostschweizer Kantone regeln Gesetz neu, lassen aber Fracking-Verbot nicht erwarten.
Schwarzach. (VN) Nach Lindau schwappt der Vorarlberger Protest wohl über. Alle 60 Abgeordneten des Lindauer Kreistags werden, geht es nach Landrat Elmar Stegmann, am 10. April einstimmig eine Resolution gegen Fracking am Bodensee beschließen. Das umstrittene Verfahren zur Gewinnung von Schiefergas hat 61.300 Vorarlberger zur Unterschrift bewogen. Nur am Schweizer Ufer des größten europäischen Trinkwasserspeichers ist es bislang ruhig. Dort brüten die Verantwortlichen über einem neuen Gesetz „zur Nutzung des Untergrunds“. Dass Fracking in einem der Ostschweizer Kantone verboten wird, steht derzeit nicht zu erwarten.
Gesuche mehren sich
Erdgas aus der Schweiz? Bislang war das kein Thema. Einzig in dem winzigen luzernischen Weiler Finsterwald wurde zwischen 1985 und 1994 Erdgas gefördert. Aber viel war das nicht. Der Name galt bald als Synonym für die Gewissheit, dass es in der Schweiz an natürlichen Rohstoffen fehle. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Gesuche um „Nutzung des Untergrunds“ mehren sich. Und die Nordostschweizer Kantone reagieren. Zunächst haben sie die Exklusivrechte, die lange einem einzigen Unternehmen gehörten, Ende 2013 einkassiert. Die Aktiengesellschaft für Schweizerisches Erdöl SEAG zog vor die Verwaltungsgerichte, verlor mehrfach, und kündigte gleichzeitig neue Schürfgesuche an. Man habe in 58 Jahren 400 Millionen Schweizer Franken in die Untersuchung des Schweizer Bodens investiert. Jetzt werde man nicht umkehren.
Die Kantone indessen schicken sich an, neue rechtliche Grundlagen zu schaffen. Sie einigten sich auf einen gemeinsamen Entwurf. Die Thurgauer haben den nun umgesetzt. Marco Sacchetti vom Departement für Bau und Umwelt bestätigt: „Wir sind die Ersten.“ Der zehnseitige Gesetzesentwurf steht noch bis Ende März in der Vernehmlassung. So lange können Änderungswünsche eingebracht werden. Fracking wird in diesem Text nur indirekt behandelt. „Ein Verbot ist bei uns derzeit kein Thema“, bestätigt Sacchetti. Wollte die SEAG also nach Erdgas suchen, müsste sie im Rahmen eines Explorationsverfahrens eine Vorbewilligung erwirken. Wird sie fündig, stellt sie das definitive Nutzungsgesuch. „Die Bewilligung wird erteilt, wenn das Vorhaben keine Rechte Dritter gefährdet oder beeinträchtigt“, steht im Gesetz. „Der Gesuchsteller muss zudem für eine umweltverträgliche und ordnungsgemäße Ausführung Gewähr bieten.“ Im Thurgau rechnet man bis Ende 2014 mit einem endgültigen Beschluss. St. Gallen dürfte sich wie Appenzell, Glarus, Schwyz und die anderen betroffenen Kantone an diesem Text orientieren.
Türöffner Geothermie
Aber vielleicht fallen die wesentlichen Entscheidungen abseits der Parlamente und Kanzleien. In Etzwilen zum Beispiel oder im St. Galler Sittertobel. Auf einem ausgedienten Eisenbahn-Areal südlich von Stein am Rhein plant die Geo-Energie Suisse AG ein Erdwärme-Kraftwerk. Seit das St. Galler Projekt Erdbeben provoziert hat, wächst der Widerstand der Anrainer in Etzwilen. In St. Gallen wiederum ist der verhängnisvolle Erdgaseinbruch ins Bohrloch auch deshalb in Erinnerung, weil die Menge den stündlichen Gasverbrauch der ganzen Stadt an einem durchschnittlichen Herbsttag abgedeckt hätte. Eine „Goldader“ sozusagen? So weit will der Geologe Roland Wyss aus Frauenfeld nicht gehen. „Wir wissen nicht, ob es nur ein Strohfeuer war.“ Aber es war groß genug, um Begehrlichkeiten zu wecken. Wyss, der auch für die SEAG arbeitet, hält den Untergrund in St. Gallen im Gegensatz zum Wallis und zu Basel für sehr stabil. Und er warnt vor der Idee, man könne an dem Tag, an dem die herkömmlichen Energieträger knapp werden, „einfach den Schalter umlegen“.
Das Bohrloch in St. Gallen ist seit Spätherbst 2013 zu und konserviert. Es kann jederzeit wieder geöffnet werden. Ob für Erdwärme oder Erdgas, ist eine andere Frage.
Energetisch ist Schiefergas hochinteressant, politisch im Augenblick nicht opportun.
Roland Wyss
Film und Diskussion
Die VN stellen gemeinsam mit Sandra Küng im Rahmen der Reihe „Metro Disput“ den Film „Macht Energie“ vor und laden zur anschließenden Diskussion.
Wann: 26. März 2014 ab 19 Uhr
Ort: Metro Kino Bregenz
Film: Macht Energie (94 min)
Anschließend Diskussion: LR Erich Schwärzler (ÖVP), Johannes Rauch (Grüne), Michael Ritsch (SPÖ), Daniel Allgäuer (FPÖ), Annamaria Waibel (Bund Konstanz) und Roland Wyss (Geologische Beratungen, Frauenfeld)
Moderation: Thomas Matt, VN