Wo Lernhilfe nichts kosten darf

Lerncafés der Caritas bieten finanzschwachen Familien Nachhilfe zum Nulltarif.
Götzis. „Mister Mintzz“ und „Grashopper“ heißen zwei Smoothies, und wenn Batuhan (10), Melissa (12), Mariam (9) und Enesham (11) gut zugehört haben, wissen sie auch, was diese besondere us-amerikanische Form des Fruchtsafts auszeichnet: die ganze Frucht wird bis auf die Schale und die Kerne verarbeitet. Markus Breuss (31) hat den Kindern das beigebracht. Am Herd mit Messer und Löffel beweist er im Handumdrehen, dass das Lerncafé der Caritas sich von herkömmlichen Nachhilfeangeboten doch beträchtlich unterscheidet.
Was man noch essen könnte
Enesham trägt, nachdem er die Melone klein gewürfelt hat, ein buntes Pflaster am Zeigefinger. Künftig wird er auf die ungewollte Fleischeinlage wohl verzichten. Nicht aber auf das Wunder, das sich ereignet, wenn man Gurke, Orange, Apfel und dergleichen zusammenfügt. Zuhause kocht Enesham gerne „Pizzabrötle“. Das tun viele Kinder, wenn sie nach der Schule heimkommen und dort niemand auf sie wartet. Markus Breuss zeigt ihnen im Kochprojekt, dass es abseits von Pizza und Cola noch eine andere Welt zu entdecken gilt.
In Götzis unterhält die Caritas eines von insgesamt vier Vorarlberger Lerncafés. Die Spielregeln sind in Rankweil, Lustenau und Dornbirn gleich. Nur Eltern, die kein Geld für Nachhilfe haben, deren Wohnsituation ungeeignet für das Lernen ist, oder deren Kinder nur geringe Deutschkenntnisse aufweisen, kommen zum Zug. Fabian Ziesig (24) leitet das Lerncafe, das vergangenen November in den Räumen der Götzner
Volkshochschule aufgesperrt hat. Der gelernte Kellner und Rezeptionist hat 2013 an der Kathi-Lampert-Schule sein Diplom als Sozialbetreuer erworben. Jetzt koordiniert er sechs Ehrenamtliche und sucht noch zusätzliche Kräfte, die Kindern von Montag bis Donnerstag jeweils nachmittags helfen wollen. Wenn die Eltern entsprechende Einkommensnachweise erbringen, kostet sie diese Betreuung hier nichts.
Wachsende Nachfrage
Das Angebot hat eingeschlagen. An allen vier Standorten werden zur Zeit 142 Kinder und Jugendliche von 40 Freiwilligen betreut. Die Nachfrage steigt weiter. Weil sehr viel Ehrenamt dahinter steht, fallen pro Jahr nur Kosten von 180.000 Euro an. 65.000 Euro übernimmt die öffentliche Hand, 115.000 Euro stammen laut Claudio Tedeschi von der Caritas aus Spenden und Firmensponsoring.
Im Vergleich dazu ist die Summe, die österreichische Eltern jedes Jahr für Nachhilfe hinblättern müssen, enorm. Jeder vierte österreichische Haushalt mit Schulkindern benötigte 2013 Hilfe von außen. Im Regelfall handelte es sich um eine bezahlte Nachhilfe. Pro Schuljahr investieren die betroffenen Eltern 680 Euro in das schulische Fortkommen ihres Sprößlings. Bundesweit ging man 2013 von 118 Millionen Euro aus, die für Nachhilfe bezahlt wurden.
An Angeboten mangelt es nicht. Das Jugendinformationszentrum aha hat 290 Nachhilfelehrer in seiner Datenbank. Weil viele Eltern die Kosten nicht mehr tragen konnten, baten sie das Land um Hilfe. Doch die Anträge auf Landesförderung sanken von 117 im Jahr 2009 auf 23 im Vorjahr. Lerncafés sei Dank.
Wo die Früchte herkommen
Zurück also dorthin, wo sich die Nachmittage in zwei Stunden lernen, eine halbe Stunde gesunde Jause und eine Stunde spielen gliedern. Auch Markus Breuss achtet im Kochprojekt auf einen guten Mix von Theorie und Praxis. Anhand einer Weltkarte zeigt er den Kindern, wo die verarbeiteten Früchte zuhause sind. Energy-Getränke und andere Zuckerbomben haben vorübergehend Pause. Ziel ist, dass die Volks- und Mittelschüler, die am Mathe-, Englisch- oder Deutschtisch ihr schulisches Wissen aufmöbeln, zuhause vor dem Kühlschrank nicht kapitulieren müssen. Fabian Ziesig will im Lerncafé „das Lebenspraktische“ einfließen lassen: „Wie kann ich mir eine Jause machen mit dem, was ich vorfinde?“
Die Lerncafés der Caritas in Vorarlberg wurden Ende 2013 mit dem Sozialpreis der Bank Austria ausgezeichnet. Am Montagabend wurde die Götzner Dependance mit etwas Verspätung offiziell eröffnet.
Uns geht es darum, das Lebenspraktische reinzubringen.
Fabian Ziesig



Wer ehrenamtlich mithelfen will, kann sich unter 0664/ 88 6821 39 bei Fabian Ziesig informieren.