Sündenbabel am Bodensee

Gesoffen, gehurt, gebetet und geschachert wurde beim Konstanzer Konzil vor 600 Jahren.
Konstanz. Heute wird hier ein „Bärlauchrahmsüpple“ um 5,30 Euro serviert, und im Jänner toben die Narren durchs Konstanzer Konzil. Vor 600 Jahren aber begann in der großen Markthalle eine Kirchenversammlung, die drei miteinander konkurrierende Päpste durch einen vierten, Martin V., ersetzte. Doch daran denken heute wenige, wenn vom Konstanzer Konzil (1414 bis 1418) die Rede ist. Mehr als die Kirchenhistoriker hat der Künstler Peter Lenk den Geschmack des Publikums getroffen, als er die neun Meter hohe und acht Tonnen schwere Statue Imperia in die Konstanzer Hafeneinfahrt setzte. Sie stellt eine Hure dar und hält Papst und Kaiser in der Hand.
Es war nämlich eine ziemlich liederliche Gesellschaft, die zur Eröffnung im November 1414 an den Bodensee strömte. Das wissen wir genau, weil der Konstanzer Kaufmann Ulrich von Richental es aufgeschrieben hat: „Öffentliche Huren in den Hurenhäusern und solche, die selber Häuser gemietet hatten und in den Ställen lagen oder wo sie wollten, deren gab es über 700, ohne die ‚Heimlichen‘, die lasse ich ungezählt.“
Das große Schisma
Zum Hergang: Im Hochmittelalter waren Kirchen- und Weltpolitik noch eng miteinander verwoben. Nicht ein Papst, sondern König Sigismund drängte auf die Versammlung. Die Kirche war seit 1378 in einem furchtbaren Zustand: Unzufrieden mit der Amtsführung von Papst Urban VI., hatten die Kardinäle ihren Kollegen Robert von Genf als Clemens VII. zum Gegenpapst gewählt. Das löste Kriege aus und entsetzliches Gerangel. Schließlich bildeten 1409 die von beiden Päpsten abgefallenen Kardinäle eine eigene Fraktion und wählten beim Konzil von Pisa einen dritten Papst: Beim Amtsantritt von König Sigismund stritten sich Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. um das Primat der katholischen Kirche.
Johannes XXIII. kam selber nach Konstanz. Dort erwarteten ihn für heutige Ohren recht moderne Überraschungen. Der König zwang die Konzilsväter zu einer Geschäftsordnung, die verhinderte, dass die italienischen Bischöfe auf alle Fälle eine Mehrheit haben würden. Johannes XXIII. floh, als Stallknecht verkleidet. Am 6. April 1415 verabschiedete das Konzil das Dekret „Haec sancta“, das die Oberhoheit des Konzils über den Papst verkündete. Dann erklärte es Johannes XXIII. für abgesetzt. Die Päpste haben diese Lektion nie vergessen. Sie mögen unter gewissen Bedingungen als unfehlbar gelten, aber 1415 hat ein Konzil vorgeführt, wie rasch ihre Macht verfliegen kann.
Furchtbares Schicksal
Auch dafür ist das Konstanzer Konzil berühmt geworden. Weit mehr noch freilich für das Heer an Kurtisanen und für das entsetzliche Schicksal des Jan Hus. Die tschechischen Reformatoren Hus und Hieronymus von Prag wurden am 6. Juli 1415 in Konstanz verbrannt. Hus war u. a. gegen Reliquien, Ablasshandel und Bilderverehrung zu Felde gezogen. „Die Priester predigen wohl gegen unsere Unzucht und unsere Laster“, klagte Hus, „aber von den ihrigen sagen sie nichts, also ist es entweder keine Sünde, oder sie wollen das Privilegium haben.“ Dass er nach Konstanz fuhr, war sein Fehler. Bis heute hat ihn die
Katholische Kirche nicht rehabilitiert.




Konstanzer Konzil
Zwischen 1414 und 1418 zählte die 7000-Einwohner-Stadt Konstanz 70.000 Besucher. 73 Geldwechsler (darunter der Bankier Cosimo Medici), 230 Bäcker, 70 Wirte, 225 Schneider und 310 Barbiere reisten an. Und mehr als 700 Huren.
Konstanz begeht das 600-Jahr-Jubiläum mit Ausstellungen und eigenen Stadtführungen. Alle Informationen sind im Internet unter www.konstanzerkonzil2014.de abrufbar.