Fracking unrentabel machen

Grüne Bodenseekonferenz gegen Fracking: Schweizer zeigen Wege bürgerlicher Nothilfe.
Bregenz. Ja, sind die Grünen jetzt unter die Autohändler gegangen? Aber die Parade moderner Nobelkarossen und sündteurer Oldtimer-Schluckspechte vor dem Festspielhaus darbt im Regen, während drinnen nachhaltig die Köpfe rauchen. Politiker aus Deutschland, der Schweiz und Österreich gleichen ihre Politik ab. Und wettern gegen Fracking. Bei Grünen kaum anders zu erwarten. Freilich machen erst die regionalen Erfahrungen den Braten fett.
Natürlich sind sich von Cem Özdemir (Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen) über Eva Glawischnig (Bundessprecherin der österreichischen Grünen) bis zu Regula Rytz (Co-Präsidentin der Schweizer Grünen) alle darin einig, dass die umstrittene Fördermethode von Schiefergas, bei der Wasser und Gift unter die Erde verpresst werden, tabu bleiben muss. „Wer mehr Unabhängigkeit von Kohle und russischem Gas will, muss auf erneuerbare Energien setzen“, betont Özdemir, „nicht Roulette spielen mit unserem Grundwasser.“ Die zentrale Frage bleibt: Wie verhindert man das?
Rechtswege unklar
Rechtlich ist die Suppe dünn. Allein die Grünen hätten sich auf EU-Ebene dagegen gewehrt, Fracking das „Hintertürl“ aufzumachen, erinnert EU-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Im Nationalrat sei man an der Ignoranz von ÖVP, SPÖ und Neos zerschellt. In Deutschland wird Fracking im Bergrecht geregelt, das ist Bundeskompetenz. Das Bergrecht ist beim Wirtschaftsministerium angesiedelt. Die Bonner Koalition zeigt wenig Ambition, das zu ändern. Weiß deshalb ausgerechnet das grün regierte Baden-Württemberg den britischen Erdgasfirmen und ihren Konzessionen zur Suche nach Schiefergas nichts entgegenzusetzen? „Als Joschka Fischer Umweltminister in Hessen wurde“, kontert Özdemir, „erwarteten auch alle, dass er per Knopfdruck alle Atomkraftwerke abschaltet.“ Aber so einfach sei das nicht. Im Augenblick könne gegen diese Unternehmen nur öffentlicher Druck helfen.
Wie man den erzeugt, zeigen im Augenblick die Schweizer vor. Bei denen ist Fracking derzeit gar nicht geregelt. Die Kantone sind zuständig. Und die agieren höchst unterschiedlich. Waadt und Freiburg haben 2011 die Suche nach Schiefergas auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Unter dem Genfer See hat zwar die Schweizer Firma Petrosvibri große Schiefergasvorkommen entdeckt. Aber der Kanton hat Fracking verboten. Der Thurgau und St. Gallen haben zwar ein neues Gesetz „zur Nutzung des Untergrunds“ in Vernehmlassung. Die VN berichteten. „Aber da steht Fracking gar nicht drin“, entrüstet sich der grüne Kantonsrat Jost Rüegg. Die Grünen haben das nun reinreklamiert. Aber auch Andreas Graf (St. Gallen) ist skeptisch, ob der Gesetzgeber Folge leisten wird. Was also tun?
Bürgerproteste helfen
Protestieren. Und zwar so laut wie z. B. im Kanton Neuenburg. Dort hat der Große Rat der Firma Celtique Énergie Neuchâtel SA 2010 zugesichert, dass sie im Falle eines Fundes „im Prinzip“ Gas fördern dürfe. Bald war es im Val-de-Travers so weit – ausgerechnet in einer Region, die als Wasserschloss des Kantons gilt: 70 Prozent der Kantonseinwohner, darunter auch die Einwohner der Städte Neuenburg und La-Chaux-de-Fonds, hängen von deren Grundwasser ab. Jetzt hat geharnischter Bürgerprotest ein Fracking-Verbot herbeigeführt. Auch Etzwilen im Kanton Schaffhausen liefert ein Beispiel für Widerstand. Dort steht ein Geothermieprojekt in den Startlöchern, ähnlich dem von St. Gallen, das eine Reihe von Erdbeben ausgelöst hat. Aber in Etzwilen bringen die Anrainer jetzt den Ausbau der einzig möglichen Zufahrt zu Fall und erzwingen zudem, dass ein unterirdischer Fluss zuerst aufwendigst um das Gelände herumgeführt und renaturiert werden muss. „Irgendwann wird das einfach zu teuer“, sagt Kantonsrat Rüegg und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Stichwort. Hydraulic Fracturing
Beim „Hydraulic Fracturing“ wird Gestein in 800 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen. Um Gas fördern zu können, wird ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst. Dadurch entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas entweichen kann. Umweltschützer berichten immer wieder von Verunreinigungen des Trinkwassers. Anfallendes Abwasser wurde bislang schlichtweg im Boden verpresst. In Österreich zog die OMV nicht zuletzt nach geharnischtem Widerstand der Bevölkerung ihre Fracking-Vorhaben zurück. „In ganz Österreich und für alle Zeiten“, so Unternehmenssprecher Johannes Vetter am 12. September 2013 zu den VN.