Bodensee so stark wie ein AKW

See als Energielieferant immer begehrter. Gewässerschutzkommission erließ Regeln.
Bregenz. Die MTU in Friedrichshafen tut’s und das Hotel am Kaiserstrand auch. Die Bregenzer Seestadt würde gern dem Bodensee Wasser entnehmen. Denn damit lassen sich prima Motoren kühlen und Gebäude klimatisieren. Der See ein Kraftwerk? Angesichts von 48 Kubikkilometer Wasser, die bis in eine Tiefe von 254 Metern vorhanden sind, möchte man’s schon glauben. Aber wie nützt man die Energie, ohne den Naturschatz zu schädigen? Immerhin schlummert „die Kraft eines kleinen Atomkraftwerks“ im Bodensee, sagt Thomas Blank, der die Abteilung Wasserwirtschaft der Landesregierung leitet. Oder besser noch: Experten zufolge könnte man dem See ein Gigawatt abgewinnen, das entspricht etwa der doppelten Leistung des Kopswerk II, so Blank.
Bedingungen formuliert
Die internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) hat über Jahre hinweg untersucht, wie man den Bodensee zum Kühlen und Wärmen nutzen kann, und nun Richtlinien erlassen. „Der Beschluss bedeutet eine Aktualisierung der Bodensee-Richtlinien“, erklärt Blank. Diese Richtlinien sind ein technisches Regelwerk, „das für alle Genehmigungsverfahren rund um den See relevant ist“. Das Kapitel zur Wärme- und Kältenutzung aus dem Bodensee sieht nun folgende Bedingungen vor:
Die Entnahme und Rückgabe des Bodenseewassers muss in bestimmten Tiefen erfolgen. Die Entnahme soll zwischen der Wasseroberfläche und höchstens 40 Metern Tiefe geschehen. Für die Rückgabe wurden 20 bis 40 Meter Tiefe festgeschrieben.
Die maximale Rückgabetemperatur des Bodenseewassers darf 20 Grad Celsius nicht überschreiten. „Zusätzlich“, sagt Blank, „wird auf der Internetseite der IGKB ein Bemessungswerkzeug (eine Modellsoftware) zur Verfügung gestellt.“ An der Stelle, an der das Wasser zurückgegeben wird, erlaubt die IGBK in einer Mischungszone von 20 mal 20 mal zehn Metern geringfügig größere Temperaturunterschiede. Außerhalb dieses Bereichs darf sich die Temperatur des Bodensees durch die Nutzung höchstens um ein Grad Celsius nach oben oder unten verändern. Nur so bleibt das Gleichgewicht des Sees erhalten. Solche Schwankungen können der See, die Pflanzen und Tierarten gerade noch verkraften, glaubt die IGKB.
MTU nutzt Wasser schon lange
„Die Kommission ist eine Schutzkommission“, betont Blank. Keine nachteiligen Veränderungen des Ökosystems Bodensee dürfen hingenommen werden. „Der Schutzgedanke steht immer über allem.“ Dennoch wachsen die Begehrlichkeiten an allen Ufern. Die MTU in Friedrichshafen darf dem Bodensee schon seit 40 Jahren maximal 13 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr entnehmen. Stündlich werden bis zu 3000 Kubikmeter Wasser zu Kühl-, Brems- und Mischzwecken beim MTU-Werk 2 in Manzell aus dem Bodensee verwendet. In Thal, Rorschach, Horn und Arbon klimatisieren zahlreiche Nutzer ihre Gebäude auf dieselbe Weise.
„Weil sich die Erde zunehmend erwärmt“, schreibt die IGKB in ihrem Beschluss, „wird es immer wichtiger, weniger CO2-erzeugende fossile Brennstoffe zu nutzen und auf umweltfreundlichere Energiequellen zu setzen. Dies könnte durch eine stärkere Nutzung des Bodensees erreicht werden.“
Der See hat das Potential eines kleinen Atomkraftwerks.
Thomas Blank