Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

In jedem vierten Jahr

Vorarlberg / 11.07.2014 • 19:54 Uhr

In der Turnstunde beim Fußball stets als letzter gewählt zu werden, war an sich schon unangenehm. Nicht, dass man Ambitionen gehabt hätte, im Sturm oder Mittelfeld zu brillieren. Gott behüte! Aber dass der Kapitän jener unglücklichen elf, denen man als unverwertbarer Restposten anheimfiel, mit der Dienstanweisung, sich ganz hinten links aufzustellen und sich in den kommenden 50 Minuten tunlichst nicht zu bewegen, ein Reclam-Heftchen aus der Gesäßtasche zog, war erniedrigend. Immerhin: Er hatte Jeremias Gotthelf mitgebracht, „Die schwarze Spinne“. Es las sich gut. In einer Stunde ist man fast durch.

Die Liebe zum runden Leder blieb so freilich ein Leben lang seidenpapierdünn. Zwar hätte man mit den Jahren rein gut zu jenen Herrn gepasst, die an jedem Spielfeldrand die Fäden in der Hand halten und der ledernen Kugel auch äußerlich ihre Reverenz erwiesen, aber man traute sich nicht. Nur die Finalspiele von Fußballweltmeisterschaften öffneten ein Fenster in die fremde Welt. Bei Endspielen ist alles erlaubt. Bis zum entscheidenden Abend haben alle Experten alles gesagt, beim Anpfiff ist andererseits garantiert jeder Zuschauer in den Expertenrang erhoben. Selbst ehemalige Spielfeldrandleser. So fällt es leicht, kommenden Sonntag mit all den anderen irgendwo zu toben und mit den Zähnen zu knirschen. Und mangels störenden Vorwissens kann man das sogar problemlos für beide Seiten tun.

thomas.matt@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-724