Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Anfang der Alleingänge

Vorarlberg / 02.09.2014 • 19:56 Uhr

Die Mutter hält sich bewusst im Hintergrund, obwohl ihr ganzer Körper vorwärts drängt. Das Mädchen indessen setzt die wenigen Schritte in heiligem Kinder ernst. Fast möchte die Mutter rufen. Ihr Arm deutet eine rasche Bewegung nach oben an. Aber das Kind steht schon. Nur keine Sorge, sagen seine lustigen Augen. Alles brav gelernt. Das Kind hat einen halben Meter vor der Fahrbahn Halt gemacht. Jetzt schaut es nach links, nach rechts. Dann hebt es den Arm. Ein letzter Blick zur Rückversicherung wird von der Mama mit einem Nicken quittiert. Dann überquert das Kind die Fahrbahn. Zum ersten Mal. Es ist Sonntag. Weit und breit kein Auto in Sicht.

Wenn das Kind nun in die Schule kommt, wird es dieselbe Strecke jeden Morgen gehen. Mitten im Frühverkehr. Daran will die Mutter gar nicht denken. Sie hat die Lastwagen vor Augen, deren Reifen größer sind als der ganze kleine Mensch da vorn. Sie weiß um die Schüler, die auf ihren Mopeds in rasender Fahrt versuchen, der Schulglocke noch zuvorzukommen. Wie leicht ihre kleine Sarah sich ablenken lässt! All das weiß die Mutter. Aber sie weiß auch, dass das Leben von nun an eine wachsende Abfolge von Alleingängen für sie bereithält.

Das Kind ist drüben angekommen. Es umrundet den Laternenpfahl und lacht. Geschafft! So zerbrechlich sieht es aus. Die Mutter winkt. Dann fasst sie sich ein Herz und reckt den Daumen nach oben.

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