Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

November-Gedenktage

Vorarlberg / 12.11.2014 • 18:59 Uhr

Gedenktage sind etwas für Geschichtsbücher. Klassischer Prüfungsstoff: 9. November? Augenblick … Reichspogromnacht! Richtig. Am 9. November 1938 haben die Nazis Juden zu Freiwild erklärt. Auch Fall der Berliner Mauer wäre richtig. Liegt 25 Jahre zurück. Am einen Tag verspielten die Menschen ihre Menschlichkeit, am anderen holten sie sie zurück.

Nun könnte ein gewiefter Geschichtslehrer nachhaken: „Und, was ist daraus geworden?“ Betretenes Schweigen wäre die Antwort. Haben wir ein Vierteljahrhundert, nachdem die Menschen im Osten ihre Freiheit erstritten, die Idee des geeinten Europa weitergebracht? Stille. Was antworten wir heute auf Finanzkrise, Umgang mit Asylwerbern, wachsenden Antisemitismus und faschistoide Versionen des Islam? Schweigen. Warum haben wir uns als europäische Bürger in diesen 25 Jahren eigentlich nicht über gemeinsame europäische Werte verständigt und leben sie?

Es gibt solche Prüfungen nicht. Sie wären auch unfair. Europa ist nicht sexy. So etwas prüft man nicht. Also verstaubt der 9. November im Geschichtsbuch. Er wandert weiter und weiter zurück, bis er nicht mehr bedeutet als etwa der Wiener Kongress. Über den schrieb Fürst von Ligne 1814, übrigens auch Anfang November, ganz verzweifelt: „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts.“ Der zweite Teil des Satzes geriet in Vergessenheit.

Heute gilt die Neuordnung Europas deshalb vielen nicht mehr als eine lustige Wiener Tanzveranstaltung. So ist das halt mit den Geschichtsbüchern.

thomas@matt.vol.at