Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Einfach nur zugewandert

Vorarlberg / 25.11.2014 • 21:13 Uhr

Die junge Mutter kommt aus Sachsen. Ihre kleine Tochter schaut mit großen Kulleraugen herüber und patscht nach der Mandarine. Sie starrt uns ebenso so groß an wie den Hund am Nachbartisch. Vermutlich kommen wir ihr dank unserer Sprache grad so vertraut vor.

Aus Sachsen also. Sie ist Apothekerin. Der Mann arbeitet als Orthopäde im Schweizer Rheintal. Eine Erfolgsstory? Vielleicht. Sie kamen jedenfalls wegen Arbeit aus Sachsen nach St. Gallen. Ein weiter Weg. Fast verniedlicht das Wort Zuwanderung die Distanz.

Man wandert heute ja an Wochenenden, mit Freunden. Aber die Wanderungsbewegung, die viele Hundert Kilometer umfasst, die kommt allenfalls in den Nachrichten. Sie scheint irgendwie untrennbar verbunden mit Begriffen wie Asyl oder Flucht. Aber das ist falsch. Die junge ostdeutsche Familie braucht kein Asyl. Sie baut sich nur ihre Zukunft hier. Als Teil jener europäischen Wanderungsbewegung, die so normal geworden ist, dass nur mehr völlig ignorante Wirrköpfe behaupten können, wir seien keine Zuwanderungsregion. Wussten Sie übrigens, dass die meisten Zuwanderer nach Österreich und bald auch nach Vorarlberg mittlerweile aus Ungarn kommen?

Der Advent, der dem Namen nach eine Ankunft erwartet und in einer missglückten Herbergssuche gipfelt, wäre die beste Zeit, sich einmal gedanklich aus unserer Brazer oder Wolfurter Behaglichkeit zu erheben und uns vorzustellen, wir säßen in Jena oder Sopron. Wie sich das wohl anfühlen würde?

thomas@matt.vol.at