Charlie sein oder nicht sein
Was heißt das eigentlich: „Ich bin Charlie“? Nach den Anschlägen von Paris bewährte sich das Internet als plakativste Plattform: „Je suis Charlie.“ In Sekunden war so ein Tweed getippt. Das neue Profilbild auf Facebook gab’s taxfrei dazu. „Je suis Charlie.“ Thierry Puget und Joachim Roncin boten dem Schrei von Solidarität eine Form. Millionen griffen dankbar zu. Die großen Fragen beantwortet der Satz nicht. Der Bürger, der sein angenehmes Leben den Früchten der Aufklärung verdankt, sieht sich angewidert vom Terror plötzlich zum Schulterschluss mit rechten Recken provoziert. Jeden ernsthaft religiösen Menschen nimmt das islamistische Mordgesindel in Geiselhaft. Ausgerechnet Religion, die auf allen Seiten – auch auf der muslimischen – Nächstenliebe predigt, wird zum Deckmantel solcher Abscheulichkeiten. Aus den Abgründen der Internetforen quillt die Reaktion. Anonym, in schlechtem Deutsch und oft genug mit rostbrauner Gesinnung. Der Satz „Ich bin Charlie“ tippt sich leicht. Er bleibt ein aufgesetzt flüchtiges Bekenntnis, wenn er die Meinungsfreiheit nicht als Kind der Bürgerrechte würdigt. Erkämpft wurden sie 1789 in Paris. Ihr Anspruch ist absolut. Sie gelten entweder für alle oder für niemanden. Sie gelten vor allem dann, wenn man im Affekt gern anders reagieren möchte. Der Terror stellt jeden auf die Probe: Wes Geistes Kind bist du? Ist dir Meinungsfreiheit nur kostbar, wenn deine Meinung Recht behält? Und: Sind dir diese unteilbaren Werte heilig, auch dann noch, wenn es mit raschen Bekenntnissen nicht mehr getan sein wird?
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