Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Fasten für Profis

Vorarlberg / 17.02.2015 • 21:16 Uhr

So richtige Abspeck-Haudegen drapieren ihren Nährwert-Würfel am Aschermittwoch liebevoll auf jenem Teller, der vor Stunden noch das Schnitzel kaum fassen konnte. Auf einem riesigen Pommes-Berg hatte es gelegen und sich lasziv über den Tellerrand geräkelt. Aber eben nur so kurz, wie eine Gabel zum Zustechen braucht. Heißhungrig war man der goldbraunen Panier zu Leibe gerückt. Viel forscher als heute. Denn jetzt gleitet der Blick suchend über die weiße Porzellanwüste, umrundet in der Mitte des Tellers ungläubig den Quader, ach was, das Quäderchen von höchstens zwei Zentimeter Seitenlänge.

Das ist alles. Mehr gibt’s nicht. Sieht aus wie ein Holzklötzchen, das sich vom Kinderzimmer in die Küche verirrt hat. Schmeckt vermutlich auch so. Essen in Sack und Asche eben. Aber Diät-Legionäre versetzt solche Reduktionskost in seelische Verzückung.

Wenn sie es freilich ernst nehmen, gehen sie noch einen Schritt weiter. Dann haben sie gar nichts auf dem Teller liegen. Surfen stattdessen im Internet, wo pünktlich zur Fastenzeit der neueste Trend aus Asien herüberschwappt: Beim „Food Unboxing“ holen Menschen Lebensmittel vor laufender Kamera aus der Verpackung. Ganz behutsam werden da Donuts vom Cellophan befreit und mitunter sogar gestreichelt. Aber nicht gegessen. Wie die Videoplattform YouTube bei solchen Ernährungsgewohnheiten freilich ihr zehntes Lebensjahr erreichen konnte, bleibt ein Rätsel.

thomas@matt.vol.at
Thomas Matt ist freier Journalist.