Kostenintensive Therapiewege

Neues Medikament mit Jahresaufwand bis 600.000 Euro. Zwei Patienten im Land.
Feldkirch. Teurer geht immer. Beeindruckende Beispiele dafür liefert zuweilen der Medikamentensektor. War es bislang „Sovaldi“, ein Mittel gegen chronische Hepatitis C, das mit knapp 17.000 Euro pro Verordnung die Liste der teuersten Medikamente anführte, katapultierte sich jetzt „Soliris“ an die Spitze. Fast 19.000 Euro kostet eine Dosis, die alle zwei Wochen verabreicht werden muss, und das ein Leben lang. Bei Erwachsenen ergibt das Kosten von bis zu 600.000 Euro jährlich, bei Kindern sind es derzeit 460.000 Euro. Der Unterschied kommt zustande, weil die benötigte Menge vom Gewicht des Patienten abhängt. Behandelt wird eine spezielle Form der Nieren- und Bluterkrankung.
Zentren geplant
Auch in Vorarlberg ist das Medikament bereits bei zwei Kindern im Einsatz. Den finanziellen Aufwand müssen die Spitäler tragen, in diesen Fällen sind es das Landeskrankenhaus Feldkirch sowie das Krankenhaus Dornbirn. Daran dürfte sich wohl nichts ändern. Vielmehr soll das teure Präparat künftig nur noch an wenigen Zentren verabreicht werden, um „akkordierte Erfahrungswerte über Wirkungen und Nebenwirkungen zu erhalten“, wie der Obmann der Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK), Manfred Brunner, gegenüber den VN begründet. In Vorarlberg wäre dieses Zentrum das Landeskrankenhaus Feldkirch.
Eine Empfehlung an das Gesundheitsministerium will die Medikamentenkommission in ihrer nächsten Sitzung beschließen. Insgesamt gehe es darum, Medikamente dort abzugeben, wo es für den Patienten am sinnvollsten sei. Und „Soliris“ sieht Brunner aufgrund der noch geringen Erfahrungswerte am besten im Krankenhaus angesiedelt.
Finanzierungsstrategie
Für den Direktor der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG), Gerald Fleisch, zeigt das Beispiel „Soliris“ sehr deutlich die Herausforderung, vor der Spitäler bei Medikamenten stehen. „Spitzenmedizin mit Kosten für ein neues Medikament von bis zu 460.000 Euro pro Patient und Jahr bieten wir grundsätzlich gerne an; das wird aber langfristig sehr schwer finanzierbar sein. Da bedarf es tiefgreifender gesellschaftspolitischer Überlegungen, was wir uns in Zukunft leisten wollen und können“, meint Fleisch. Zwar sieht auch die Gesundheitsreform eine Finanzierungsstrategie vor allem für teure Medikamente vor. „Aber das ist ein Zukunftsprojekt“, vermutet Manfred Brunner. Zumal diese Frage eine bundesweite Abstimmung erfordere.
Derzeit ist „Soliris“ zur Behandlung von zwei sehr selten auftretenden Erkrankungen zugelassen. Zum einen handelt es sich um das atypische hämolytisch-urämische Syndrom, das die Nieren schädigt, zum anderen um die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie, bei der vorwiegend die roten Blutkörperchen zerstört werden. „Beide Erkrankungen basieren in aller Regel auf einem angeborenen oder erworbenen Gendefekt“, erklärt Primar Karl Lhotta (57), Leiter der Nephrologie am Landeskrankenhaus Feldkirch. Die Nierenerkrankung tritt häufig schon im Säuglingsalter auf. Sie kann aber auch Erwachsene treffen.
Erste wirksame Behandlung
Eine Nierentransplantation hilft wenig, weil die Erkrankung danach meist wieder ausbricht. „Eine Patientin hat bereits zwei Transplantate verloren“, verdeutlicht Lhotta die Schwierigkeiten. Jetzt braucht sie wieder die Dialyse. Bei schon dialysepflichtigen Patienten wirkt „Soliris“ übrigens nicht.
Vor „Soliris“ gab es überhaupt keine wirksame Therapie gegen das Syndrom. „Soliris“ habe die Behandlung wirklich revolutioniert. „Ein cleveres Medikament“, befindet der Nierenexperte. Aufgrund mangelnder Erfahrungswerte ist noch nicht klar, ob es tatsächlich eine Dauertherapie braucht. „Da scheiden sich noch die Geister“, sagt Karl Lhotta.
Wir müssen wohl überlegen, was wir uns leisten wollen.
Gerald Fleisch