„Vater zerstörte das Hitler-Bild“

Veteranen sorgten für eine friedliche Übergabe des Dorfes an die Besatzungstruppen.
mellau. „Krieg ist immer Unglück, egal ob man ihn gewinnt oder verliert.“ Diese Worte habe sein Vater während des Krieges etliche Male gesagt. Deren wirkliche Bedeutung ist Gerhard Kaufmann erst viel später bewusst geworden.
Er wuchs mit fünf Schwestern und vier Brüdern im Elternhaus in Mellau auf und in den Zweiten Weltkrieg hinein: Acht Jahre alt war Gerhard Kaufmann am Beginn und 13, als die Besatzungstruppen ins Land zogen.
Dem Haus der Kaufmanns waren eine Landwirtschaft und die von der Mutter geführte Poststelle angeschlossen. Dort drinnen spielte sich eine heftige Szene ab, als die ältesten Söhne Kaspar und Ernst für Hitlers letztes Aufgebot einrücken mussten: „Vater nahm einen Gewichtstein von der Postwaage und zerstörte damit das Hitler-Bild“, erzählt Gerhard Kaufmann. Sein Vater habe allerdings gleich erkannt, was er da getan hatte, galt doch die Post als öffentlicher Bereich. „So lieh er sich von seinem Freund Anton ein Hitler-Bild aus und stellte es auf.“
Vom April 1945 – er besuchte die 7. Klasse Volksschule – sind Gerhard Kaufmann vor allem die über den Bregenzerwald jagenden Tiefflieger und Wehrmachtsoldaten auf der Flucht in Erinnerung geblieben. „Anfang Mai haben wir in Mellau mitbekommen, was in Bregenz an der Klause passiert ist“, berichtet der Zeitzeuge. Um den Vormarsch der französischen Besatzungssoldaten nach Bregenz zu verzögern, hatten Reste von Wehrmachts- und SS-Verbänden an der Klause eine Sperre errichtet. Nachdem auf die Ultimaten der Franzosen, die Landeshauptstadt zu öffnen, nicht reagiert wurde, kam es am 1. Mai zuerst zu Artilleriebeschuss, dann zum Bombenangriff auf Bregenz. „Bei uns schauten Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg dazu, dass so etwas in Mellau nicht passierte.“
Am 7. Mai erreichten die Franzosen Egg. Gerhard Kaufmann weiß noch, wie sich „die alten Veteranen – etwa zwölf Männer – im Mellauer Hotel Kreuz versammelt haben und berieten, wie man ein Dorf friedlich an den Feind übergibt“. An die Bevölkerung wurde appelliert, als Zeichen des Friedens weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen. „Damals patrouillierten aber noch SS-Truppen durch Mellau und drohten mit Widerstand.“ Von jenen Männern sei jedoch tags darauf keiner mehr da gewesen.
Er selber habe sich am 8. Mai kurz nach acht Uhr früh zum Hotel Kreuz begeben. „Dort stand schon eine große Menschenmenge und wartete auf den Einmarsch der Franzosen.“ Gegen 10 Uhr hielten Soldaten der 1. Französischen Armee mit Pauken und Fanfaren Einzug. „Dann folgte eine unendlich lange Reihe Marokkaner mit geschulterten Gewehren“, erinnert sich Kaufmann. Die vielen fremden Menschen, die das Dorf besetzten, seien für ihn als 13-Jährigen besonders prägend gewesen: „Niemand wusste, was auf uns zukommt. Trotzdem empfand ich ein Gefühl der Befreiung.“ Außerdem habe er gespürt, dass die Franzosen nicht als Feinde, sondern als Freunde gekommen sind.
Marsch der Gefangenen
Nach dem offiziellen Empfang der Franzosen beim Hotel Kreuz mit dem Auftritt einer Trachtengruppe begannen marokkanische Soldaten, ein Haus nach dem anderen nach versteckten Wehrmacht- und SS-Soldaten abzusuchen. „Sie fanden einige, versteckt im Heustock oder im Holz“, weiß Gerhard Kaufmann noch. „Als ich am Nachmittag zu unserer Landwirtschaft in die Klaus hinüberging, um das Vieh zu füttern, begegnete ich einer Marokkaner-Truppe mit etwa 30 Gefangenen. Sie gingen zu Fuß nach Lindau und wurden dort in einem Auffanglager interniert.“ Sein Vater sei tags darauf mit einem Freund, der ein Motorrad besaß, nach Lindau gefahren. „Als Mitglied der Heimkehrer-Kommission war es ihm möglich, die Gefangenen aus dem Bregenzerwald wieder zu befreien.“
Gerhards ältere Brüder waren Ende 1945 noch in Gefangenschaft. Kaspar kehrte 1946 heim, Ernst 1947.
Trotzdem empfand ich ein Gefühl der Befreiung.
Gerhard Kaufmann

Zur Person
Gerhard Kaufmann
war Landwirt, Jagdaufseher und Buchhalter
Geboren: 23. 1. 1932
Wohnort: Mellau
Familie: verheiratet, 1 Sohn, 1 Tochter, 2 Enkel
Quelle Hintergrund-Infos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at