Neuer Ärger um Hüftprothesen

Vorarlberg / 30.09.2015 • 20:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Implantation von künstlichen Hüftgelenken erfordert ein präzises chirurgisches Arbeiten. symbolFoto: KHBG
Die Implantation von künstlichen Hüftgelenken erfordert ein präzises chirurgisches Arbeiten. symbolFoto: KHBG

Patientin klagte Hersteller. Vorsorgliche Kontrolluntersuchungen bei Patienten.

feldkirch. Noch ist nicht einmal der erste Skandal um schadhafte Hüftprothesen juristisch aufgearbeitet, schon zeichnet sich neues Ungemach ab. Und wieder geht es um künstliche Hüftgelenke. Es handelt sich um Accis-Großkopf-Prothesen, die von 2008 bis 2010 im Landeskrankenhaus Feldkirch verwendet wurden. Der Direktor der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG), Gerald Fleisch, bestätigte auf VN-Anfrage, dass es Anhaltspunkte für Probleme gibt. Diese würden jetzt geprüft. Anlass ist die Klage einer ehemaligen Patientin gegen den Prothesenhersteller. Gutachten hatten bei diesem vorläufigen Einzelfall einen Fehler, den Abrieb betreffend, festgestellt. „Obwohl die Hüftprothese medizinisch optimal eingebaut worden war“, wie Fleisch betont. In Vorarlberg bekamen 88 Patienten die Accis-Hüften.

Prüfung der Blutwerte

Kürzlich hat das Krankenhaus nun Patienten, die vor rund sechs Jahren dieses spezielle Hüftimplantat erhielten, persönlich zu Kontrolluntersuchungen eingeladen. Mehr als die Hälfte habe bereits einen Termin erhalten. So lange der Hersteller sowie die Agentur für Gesundheit (AGES) keine Produktwarnung oder geänderte Anwendungsbestimmungen herausgeben und das Produkt nach wie vor weltweit verfügbar ist, wäre für Krankenhausbetreiber zwar kein Handlungsbedarf gegeben. „Wir sehen jedoch im Sinne des Patienten eine Notwendigkeit, die Funktionsfähigkeit der implantierten Hüfte zu überprüfen“, erklärt Gerald Fleisch. Zudem sei man seit dem Rückruf von Hüftprothesen eines anderen Herstellers höchst sensibilisiert.

Damals ging es um angeblich schadhafte Implantate von DePuy. In Vorarlberg betraf die unliebsame Angelegenheit 65 Patienten. Einige von ihnen benötigten eine operative Nachbehandlung mit aufwendiger Rehabilitation. Weltweit sah sich der Konzern Johnson & Johnson mit Schadenersatzansprüchen von rund 100.000 Patienten konfrontiert. Das schadhafte Modell wurde aufgrund der überdurchschnittlich hohen Revisionsrate im Herbst 2010 vom Markt genommen.

Zahlreiche offene Fälle

Die juristische Seite ist allerdings auch nach mehr als drei Jahren nicht ad acta gelegt. Sowohl die Patientenanwaltschaft als auch die Rechtsanwaltskanzlei Blum, Hagen & Partner in Feldkirch sind mit offenen Fällen befasst. Patientenanwalt Alexander Wolf hat noch sieben unerledigte Akten auf dem Tisch. Weitere sieben Patienten haben sich einen Anwalt genommen. Allerdings bescherte auch der Gerichtsweg bislang keine Fortschritte. „Die Klagen sind eingebracht, mehr ist noch nicht passiert“, bedauert Markus Hagen. Dabei gehe es nicht um Schadenersatzforderungen, sondern um die Klärung der gesundheitlichen Auswirkungen und die Haftung daraus resultierender Kosten. Mögliche negative Folgen für die Gesundheit durch den Metallabrieb sind aber kaum abschätzbar. „Alles ist möglich“, bringt es der Jurist auf dem Punkt. Er spricht von einer schwierigen Sache, die sich zu einer endlosen Geschichte auswachsen könnte, wie er noch anmerkt.

Wir sind seit dem Rückruf von Hüftprothesen sensibilisiert.

Gerald Fleisch

Fakten

» ca. 15.000 Hüftgelenksimplantationen in Österreich pro Jahr

» ca. 200 Hüftgelenksimplantationen im Landeskrankenhaus Feldkirch pro Jahr, davon die Hälfte minimal-invasiv

» Durchschnittliche Haltbarkeit von Hüftprothesen: 15 bis 20 Jahre

» Durchschnittliche Haltbarkeit von Großkopf-Hüftimplantaten: rund 20 bis 25 Jahre