Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Barmherzig?

05.10.2015 • 17:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die am Sonntag in Rom begonnene Bischofssynode wird zwar von Spannungen geprägt sein, aber zu keiner Kirchenspaltung führen. Dieser Einschätzung von Bischof Benno ist beizupflichten. Ein Gegenpapst zu Franziskus ist weit und breit nicht in Sicht. Mit der Piusbruderschaft haben sich die Ultrakonservativen ohnedies schon lange verabschiedet, und jene, denen das letzte Konzil und vor allem der derzeitige Papst zu aufgeschlossen sind, haben sich in einer kirchlichen Parallelgesellschaft versammelt. Und wenn sich die Synode nicht zu einem barmherzigen Umgang mit Geschiedenen und Homosexuellen aufraffen kann, werden an den Sonntagen eben noch mehr Leute zu Hause bleiben und in weiterer Folge jede neue Kirchenbeitragsvorschreibung doppelt kritisch beurteilen. In Wien gibt es nur noch einen einzigen Bezirk mit einem Katholikenanteil von über 50 Prozent, in vielen Bezirken liegt er schon unter einem Drittel. Und wenn wie in der Hälfte der deutschen Bundesländer der Anteil unter zehn Prozent liegt, erübrigt sich eine Kirchenspaltung.

Viele Berichte über die im letzten Jahr abgehaltene Familiensynode haben den fälschlichen Eindruck erweckt, verständnisvolle Standpunkte zu Geschiedenen und Homosexuellen hätten keine Mehrheit gefunden. Richtig ist aber lediglich, dass sie die für ein gemeinsames Schlussdokument erforderliche Zweidrittelmehrheit verfehlt hatten, die Mehrheit der Synode hatte durchaus klare Vorstellungen. Wie das heuer sein wird, ist spannend.

Einen Teil der Beratungen hat Papst Franziskus bereits vorweggenommen. Die kirchliche Annullierung von Ehen wird vereinfacht und beschleunigt. Das ist ein wichtiger Schritt, der in letzter Konsequenz aber auf eine kirchlich anerkannte Ehescheidung hinausläuft. Erfunden wurde dieses Hintertürchen vor Jahrhunderten, um wichtigen Leuten eine neue Eheschließung zu ermöglichen. Anstatt eine Ehe aufzulösen, wird einfach davon ausgegangen, dass sie gar nie bestanden habe – auch wenn die Ehepartner jahrzehntelang zusammenlebten und gemeinsame Kinder haben. Und wenn etwas ohnedies nicht bestanden hat, muss es auch gar nicht getrennt werden. Wer das „Pech“ hat, ohne Zwang, Täuschung oder Vorbehalt (also ganz normal) geheiratet zu haben, geht bei der kirchlichen Annullierung einer Ehe natürlich leer aus. Außer er hat einen guten Anwalt und ein gutgläubiges kirchliches Gericht. In Österreich war das bisher gerade einmal einem Prozent der trennungswilligen Ehepaare wichtig. Für mediale Aufmerksamkeit sorgen immer wieder verschiedene Promis wie Caroline von Monaco, aber für solche Leute wurde das früher ja erfunden. Auch wenn es jetzt vereinfacht und damit breiter zugänglich wird, ist die Nichtigkeitserklärung einer Ehe für die Zulassung von Wiederverheirateten zu den Sakramenten noch lange keine barmherzige Lösung, bei der das Gesetz für den Menschen und nicht der Mensch für das Gesetz da sein sollte.

Einen Teil der Beratungen hat der Papst vorweggenommen.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.