Ein Bier und viele Geschichten

05.10.2015 • 17:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ex-Bierbrauer Herbert Vetter, Monika Spettl und Markus Müller: Wieserbräu lebt. Fotos: VN/Hartinger
Ex-Bierbrauer Herbert Vetter, Monika Spettl und Markus Müller: Wieserbräu lebt. Fotos: VN/Hartinger

Ein Wahrzeichen der Gemeinde Lustenau wird wachgeküsst:
das alte Wieserbräu.

Lustenau. Herbert Vetter (78) ist gerührt. Da steht der frühere Braumeister in einem zum Partyraum umfunktionierten ehemaligen Stickereilokal und wähnt sich ein halbes Jahrhundert zurück, mitten in seinem früheren Berufsleben. An den Wänden und am Boden – überall ist Wieserbräu. In Form von alten Bierdeckeln, Etiketten, Wieserbräu-Kalendern, Rechnungen, Sudbüchern, einer Druckplatte für das traditionelle Wappen, Bierflaschen, Gläser, Bierkisten.

Der Lustenauer Finanzberater Markus Müller (48) hat gemeinsam mit seiner Partnerin Monika Spettl (42) all diese Objekte zusammengetragen und ihnen musealen Glanz verliehen.

Keine Nachfolger

„Ich war berufsbedingt in den Abriss des alten Wieserbräu-Gebäudes involviert. Da entdeckte ich all diese Sachen. Sie faszinierten mich und ich fragte, ob ich sie haben dürfe.“ Er durfte, und so wurde sein Partyraum, den er zeitgleich zum Abbruch der alten Bierfabrik einrichtete, zu einer Art Museum der ehemaligen Lustenauer Bierbrauerei. Mit viel Liebe zum Detail wurden die verschiedenen Dokumente und Gegenstände platziert. Der alte Braumeister ist fasziniert und fängt an zu erzählen.

„Wir haben zwischen 34.000 Hektoliter jährlich gebraut, nicht nur für Lustenau, sondern auch für Betriebe in anderen Ortschaften. Wir haben auch nicht zu produzieren aufgehört, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr rentierte. Es waren einfach keine Nachfolger da, welche die Brauerei weiterführen wollten. Deswegen stellten wir letztlich den Betrieb ein.“

Traurige Lustenauer

1979 war das. Für Lustenau bedeutete dies nicht nur das Ende des eigenen Biers, sondern auch einen Identitätsverlust. Zwar gab es Wieserbräu noch eine Zeit lang als Marke unter dem Dach von Mohrenbräu, doch dies war gefühlsmäßig nicht mehr dasselbe. Vetter musste erleben, wie viele Lustenauer noch lange „ihrem“ Bier nachtrauerten. „Ich hätte das nicht gedacht. Aber es war so. Immer wieder trugen mir Lustenauer zu, dass sie das Verschwinden von Wieserbräu sehr traurig fänden.“

Das Hochzeitspaar

Bei Müller und Spettl ist der Bezug zum einzigartigen Stück Lustenauer Geschichte mit Namen Wieserbräu im Lauf der Zeit immer enger geworden. „Ich räume ein, dass ich ursprünglich nicht abschätzen habe können, wie sehr der ideelle Wert dieser Sammlung für mich persönlich steigt“, sagt Müller. Mittlerweile wird er immer wieder auf seine Wieserbräu-Gegenstände angesprochen. „Es fragen mich Leute, ob sie einmal vorbei kommen und die Sammlung anschauen dürfen.“

Den sentimentalen Höhepunkt gab es für die Gastgeber erst kürzlich. „Ein Hochzeitspaar fragte, ob sie  Hochzeitsfotos hier machen dürften. Natürlich haben wir zugesagt. Uns hat das sehr gefreut. Die Fotos sind gut geworden.“

Der Braumeister in Ruhestand, Herbert Vetter, wird mit Müller und Spettl in Verbindung bleiben. „Ich habe euch noch was für eure Sammlung“, freut er sich auf ein Wiedersehen bei einem Bier – auch wenn’s leider kein Wieserbräu ist.

Ich konnte nicht abschätzen, wie sehr der ideelle Wert steigt.

Markus Müller
Etiketten und Bierdeckel. Die Wieserbräu-Brauerei schloss 1979 ihre Pforten.
Etiketten und Bierdeckel. Die Wieserbräu-Brauerei schloss 1979 ihre Pforten.

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