„Es wird immer wieder solche Flüchtlingswellen geben“

Vorarlberg / 21.10.2015 • 23:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wohn- und Arbeitsmarktexperten hatten sich beim VN-Stammtisch am Podium versammelt. Moderiert wurde die Veranstaltung von VN-Redakteur Michael Prock. Fotos: vn/paulitsch
Wohn- und Arbeitsmarktexperten hatten sich beim VN-Stammtisch am Podium versammelt. Moderiert wurde die Veranstaltung von VN-Redakteur Michael Prock. Fotos: vn/paulitsch

VN-Stammtisch verdeutlichte, wie wichtig die gemeinsame Unterstützung ist.

dornbirn. Dass Flüchtlingsströme nach und durch Österreich ziehen, hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gegeben. Das Ausmaß der aktuellen Flüchtlingsbewegung stellt jedoch vieles, was vorher war, in den Schatten. Vor allem, weil die Entwicklung nur sehr schwer einzuschätzen ist. „Auch wenn viele dieser Menschen weiterwandern, so werden doch mindestens 85.000 von ihnen in Österreich bleiben“, sagte Wolfgang Amann, Experte für Wohnbau, beim gestrigen VN-Stammtisch in Dornbirn. Zum einen würden Asylverfahren rascher durchgeführt. Zum anderen würden Menschen, die die Mühen einer Flucht auf sich genommen haben, nicht so schnell wieder in ihr Heimatland zurückkehren. „Dem müssen wir uns stellen“, betonte Amann. 

Keine Konkurrenz

Eine ähnliche Meinung vertrat August Gächter. „Bei der Arbeitsmigration gehen zwei Drittel wieder. Bei Flüchtlingen ist das nicht so“, berichtete der Fachmann für Migration am Arbeitsmarkt. Ihn überrascht die Heftigkeit, mit der die Flüchtlingsthematik diskutiert wird. „Es gab immer wieder Flüchtlingswellen, und es wird weiterhin Flüchtlingswellen geben. Alle, die wir hier sitzen, werden sie erleben“, orakelte Gächter. Seine Empfehlung: aus der jetzigen Situation lernen und das, was gut war, wieder machen. Er erinnerte außerdem daran, dass die vergangenen Flüchtlingsbewegungen auf dem heimischen Wohnungs- und Arbeitsmarkt nicht viel Eindruck hinterlassen hätten. Nach Ansicht von August Gächter stellen die nun ins Land kommenden oder schon im Land befindlichen Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt keine ernsthafte Konkurrenz für höherqualifizierte Personen dar. Was allerdings heißt, dass diese Menschen lange auf Unterstützung angewiesen sind.

Ein Lösung könnte sein, warf Gächter ein, wenn Abschlüsse in Österreich formal anerkannt würden. Derzeit sei die selbstständige Erwerbstätigkeit fast der einzige Weg, um Flüchtlinge aus der Unterstützung herauszubekommen. Das Erlernen der deutschen Sprache hält er für „etwas überbewertet“. Dem widersprach Karzan Kader Saleh heftig. Er kam vor zehn Jahren als Flüchtling nach Vorarlberg. „Am Anfang war es sehr schwer“, erzählte der aus dem Irak stammende Mann. Deshalb sei es wichtig, zuerst die Sprache zu lernen und mit Menschen in Kontakt zu kommen. „Wir müssen alle zusammenhelfen, damit sich die Flüchtlinge hier integrieren können“, lautete sein Appell.

Suche nach Quartieren

Wohnung, Sprache, Arbeit: In dieser Reihenfolge sollte die Integration seinen Erfahrungen zufolge ablaufen. Bei der Wohnraumbeschaffung stoßen Politik und Betreuungsorganisationen jedoch an Grenzen. Wohnbaulandesrat Karlheinz Rüdisser erklärte, dass man buchstäblich rund um die Uhr darum bemüht sei, Quartiere ausfindig zu machen. Der geplante Bau von zusätzlichen Wohneinheiten soll die schwierige Lage auf dem angespannten und teuren Wohnungsmarkt ebenfalls entlasten. Außerdem will das Land im Rahmen eines Versuchs auch Konventionsflüchtlingen den Zugang zu gemeinnützigen Wohnungen ermöglichen.

Was den Arbeitsmarkt angeht, redete auch Rüdisser guten Sprachkenntnissen das Wort. Nur auf diesem Weg könne eine vernünftige Arbeit vermittelt werden. Bei der geforderten Anerkennung von Abschlüssen blieb er vorsichtig. Das sei nicht immer so einfach, denn kaum jemand nehme die Zeugnisse mit auf die Flucht. August Gächter kritisierte, dass es selbst in Mangelberufen nicht möglich ist, für über 20-Jährige eine Lehrstelle zu bekommen.

Entwicklungshilfe

Aus den Wortmeldungen der Besucher sprachen Befürchtungen, wonach die Flüchtlingswelle den sozialen Unfrieden schüren könnte. Die derzeitige Situation stelle eine Herausforderung für das Sozialsystem dar, räumten die Podiumsteilnehmer ein. „Deshalb braucht es Lösungen, die ein Überborden solcher Wanderungsströme verhindern“, betonte Karlheinz Rüdisser die Bedeutung der Entwicklungshilfe als Prävention und erntet dafür spontan Applaus.

Auch das Publikum im Campus V meldete sich mit engagierten Beiträgen zu Wort. 
Auch das Publikum im Campus V meldete sich mit engagierten Beiträgen zu Wort.