Es braucht Unterstützung hier und in den Herkunftsländern

Vorarlberg / 04.11.2015 • 23:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Podiumsteilnehmer v.l.: Eugen Lampert, Heinz Schoibl, Andrea Kaufmann, Katharina Wiesflecker und VN-Redakteur Michael Prock.
Die Podiumsteilnehmer v.l.: Eugen Lampert, Heinz Schoibl, Andrea Kaufmann, Katharina Wiesflecker und VN-Redakteur Michael Prock.

Die Bettlerproblematik sorgte beim VN-Stammtisch für emotionale Diskussionen.

dornbirn. Sie werden wieder kommen, und wir werden einen vernünftigen Umgang mit diesen Menschen finden müssen: Das war der Tenor des gestrigen VN-Stammtisches, der sich mit der eskalierenden Bettlerproblematik in den Städten befasste. Ebenso deutlich zeigte sich, dass nicht nur hier, sondern gleichzeitig auch in den Herkunftsländern entsprechende strukturelle Unterstützung geleistet werden muss, die den Roma dort ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht. Weitgehend Einigkeit herrschte außerdem darüber, dass Betteln kein förderungswürdiges Geschäftsmodell ist.

Unhaltbare Zustände

Einige der über 160 Besucher im vollbesetzten Saal des Kolpinghauses Dornbirn monierten unter anderem, es gehe nicht nur ums Betteln, sondern um die Situation insgesamt. Sie berichteten von Müllhalden, die hinterlassen würden, und untragbaren hygienischen Zuständen. Gesetze und Regeln müssten auch für die Roma gelten, wurde kritisch angemerkt. Bürgermeisterin Andrea Kaufmann hatte mit ihrer rigorosen Entscheidung, keine Zeltlager mehr in Dornbirn zu dulden, das Gros der Zuhörer jedenfalls hinter sich. „Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass ein Kleinkind zu Schaden kommt“, sagte sie und bemühte die Eigenveranwortung der Familien, in der kalten Jahreszeit in die Heimat zurückzukehren. „Die Situation der Roma in Rumänien ist zugegebenermaßen schlecht“, räumte Kaufmann ein. „Aber ich bin der tiefen Überzeugung, dass wir das Bettelproblem nicht in Vorarlberg lösen können, sondern vor Ort helfen müssen“, beharrte sie auf ihrem Standpunkt.

Minimalstrukturen

Schützenhilfe gab es von Werner Posch (SPÖ) und Walter Schönbeck (FPÖ). Letzterer bekannte sich dazu, die Arbeit „unserer Bürgermeisterin“ zu 100 Prozent zu unterstützen. Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker warf er vor, zu wenig in dieser Sache unternommen zu haben. Posch bemängelte, beheizbare Lager im Ober- und Unterland könnten keine Lösung sein. Hilfe im Herkunftsland sei der richtige Weg. „Dann brauchen wir keine Lager.“ Wiesflecker ihrerseits forderte, die Diskussion pragmatischer zu führen. Derzeit pendle sie zwischen sehr großer Härte und sehr starker Menschlichkeit. Sie bekräftigte ihr Vorhaben, beim Kinderschutz konsequent durchgreifen zu wollen. „Ich möchte, dass Mütter mit Kindern und Schwangere in Notunterkünften schlafen können. Wenn wir nicht wollen, dass sie in Zelten schlafen, müssen wir ihnen wenigstens minimale Strukturen zur Verfügung stellen“, stellte Wiesflecker klar. 

Schlechte Bedingungen

Und sie verlas den Brief eines Mitarbeiters von Russ-Preis-Träger Pater Georg Sporschill, in dem dieser die katastrophalen Bedingungen schildert, unter denen Roma in Rumänien leben. Hohe Arbeitslosigkeit, geringe Bildungschancen, Diskriminierung, verwahrloste Siedlungen: „Wir würden sie nur zurück ins Elend schicken“, verdeutlichte Heinz Schoibl, Experte für Armutsmigration. Er sei kein Christ, aber ein Mensch, und als solcher könne er das nicht verantworten. Dass Roma die in Vorarlberg angebotene Hilfe abgelehnt haben, stößt viele Einheimische jedoch vor den Kopf. „Die Lösungen müssen halt adäquat sein“, merkte dazu eine Besucherin an, die selbst eine Roma-Familie beherbergt und von ihren ordentlichen und anständigen Mitbewohnern schwärmte, die neben ihr im Saal saßen.

Nicht einfach ist die Lage auch für die Polizei, wie deren oberster Gewerkschafter, Eugen Lampert, freimütig zugab. Die Begegnungen mit den Bettlern würden den  Mitarbeitern oft sehr nahe gehen. Andererseits kann Lampert die Angst der Bevölkerung verstehen. „Bürger rufen oft an und bitten um Intervention. Wenn kein Sachverhalt vorliegt, der ein Einschreiten rechtfertigt, sind sie verwundert“, beschreibt er den Zwiespalt.

Geben oder spenden

Die Zuhörer wollten noch die drängende Frage beantwortet haben, wie man sich den Bettlern gegenüber verhalten soll: Ihnen Almosen geben oder spenden? Heinz Schoibl legte den gewünschten Pragmatismus in seine Antwort: „Jeder Euro ist gut angelegt, weil er hier das Überleben sichert und als Spende beim Aufbau von Projekten im Herkunftsland hilft.“

Der Veranstaltungssaal im Kolpinghaus Dornbirn war bis auf den letzten Platz mit interessiert zuhörenden und engagiert diskutierenden Besuchern besetzt. Fotos: vn/Paulitsch
Der Veranstaltungssaal im Kolpinghaus Dornbirn war bis auf den letzten Platz mit interessiert zuhörenden und engagiert diskutierenden Besuchern besetzt. Fotos: vn/Paulitsch