„Nur einer von ihnen hat wirklich Reue gezeigt“

Vorarlberg / 09.11.2015 • 19:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Carla del Ponte, beim Interview mit den VN.  Foto: VN/Hofmeister
Die ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Carla del Ponte, beim Interview mit den VN.  Foto: VN/Hofmeister

Carla del Ponte klagte Milosevic, Karadzic, Mladic und andere Kriegsverbrecher an.

Dornbirn. Sie wurde zu einem der bekanntesten Gesichter des Balkan-Kriegs, obwohl sie in Den Haag saß: Carla Del Ponte war von 1999 bis 2007 die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Vor ihr mussten sich nicht nur die gefassten und angeklagten Kriegsverbrecher aus Ex-Jugoslawien verantworten. 1989 wurde die Schweizerin beinahe Opfer eines Sprengstoffanschlags.

Frau del Ponte, kennen die Leute auf der Straße Sie heute noch?

del Ponte: Tatsächlich werde ich auch auf der Straße noch öfter angesprochen, ja. Das gefällt mir beim ersten und zweiten Mal noch, beim dritten Mal nicht mehr. Weil es mir dann einfach zu viel wird.

Ich könnte mir vorstellen, es gratulieren Ihnen dann alle?

del Ponte: Viele tun das, andere nicht. Vor allem Menschen aus den Balkanstaaten beschimpfen mich zum Teil, wenn sie mich erkennen. Aber insgesamt ist mein Wiedererkennungswert ein Zeichen dafür, dass die Leute bei den politischen Geschehnissen auf dem Laufenden sind.

Wie hat Sie die Zeit als Chefanklägerin des Internationalen Gerichtshofs geprägt?

Del Ponte: Geprägt hat mich schon die Zeit davor, als ich Schweizer Bundesanwältin war. Ich hatte damals bereits mit organisierter Kriminalität und Geldwäsche zu tun. Ich arbeitete damals viel mit italienischen Staatsanwälten zusammen. Besonders mit Richter Giovanni Falcone, den die Mafia 1992 durch einen Sprengstoffanschlag ermordete. Ich bin zuvor einem Anschlag entgangen, als ich mit Falcone in Palermo war. Eine Tasche mit Sprengstoff wurde in dem Ferienhaus, in dem ich sein sollte, platziert. Gott sei Dank war ich nicht anwesend. Die Zeit in Den Haag war vor allem geprägt durch sehr, sehr viel Arbeit. Ich war allein in Den Haag, getrennt von meiner Familie. Natürlich hat mich auch das internationale Milieu geprägt. Ich habe die Mächtigen der Welt kennengelernt, die uns manchmal halfen, manchmal nicht, je nach politischer Lage.

Wie kamen Sie zu diesem Job?

Del ponte: Durch den damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan. Den lernte ich beim Wirtschaftsforum in Davos kennen. Ich moderierte damals eine Veranstaltung über Korruption, an der Annan auch teilnahm. Ich sprach auch mehrmals mit ihm. Schließlich wollte er mich für diesen Job, und ich bekam ihn.

Namen wie Milosevic, Karadzic oder Mladic wecken schreckliche Assoziationen. Was fühlten Sie, als Sie diesen Verbrechern gegenübersaßen?

Del ponte: Da gab es keine Emotionen. Diese Leute sahen erstens sehr gepflegt aus, und zweitens dachte ich immer nur an die Anklageschrift. Ich musste professionell denken. Natürlich hätte ich gerne den Handschlag am Schluss verweigert. Aber danach habe ich die Hände sofort gewaschen. Emotionen hatte ich bei der Begegnung mit den Opfern.

Wer von den Angeklagten hat Sie am meisten beeindruckt?

Del ponte: Milosevic hat mich am meisten beeindruckt. Er verteidigte sich selbst. Und er konnte das. Er war intelligent, schlau. Er hatte mehr los als die anderen. Das erklärte für mich auch, warum er so weit gekommen war. Auch ein serbischer General namens Lukic hat mich auf eine negative Art beeindruckt: Wie er schilderte, Foltermethoden ausgeheckt zu haben, selber folterte, und das auch noch rechtfertigte.

Hat es überhaupt einen Angeklagten gegeben, der Reue zeigte?

del ponte: Nur einer, der serbische Politiker Milan Babic, zeigte wirklich Reue. Er erhängte sich später in seiner Zelle. Alle anderen rechtfertigten ihre Taten und sahen sich zum Teil sogar als Helden.

Wenn man mit so vielen Grausamkeiten konfrontiert wurde wie Sie, gelingt einem da noch der Blick auf das Gute und Schöne?

del ponte: Oh ja. Ich freue mich über all jene Dinge, über die sich andere Menschen auch freuen. Und am meisten Freude habe ich mit meinen Enkelkindern. Für die bin ich eine total gutmütige Oma, die ihnen alles erlaubt, was sie zu Hause nicht dürfen. Endlich habe ich Zeit für sie.

Zur Person

Carla del Ponte

war von 1999 bis 2007 Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Anschließend war sie drei Jahre lang Schweizer Botschafterin in Argentinien. Derzeit arbeitet sie ehrenamtlich an der Aufklärung von Kriegsverbrechen in Syrien. Sie wohnt in Bignasco (Tessin).