Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Grüß Gott in Babel

Vorarlberg / 10.11.2015 • 21:38 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Der jungen türkischen Mutter, die mit zwei Kindern im Auto den Weg nach Bezau suchte, war gar nicht mehr nach Scherzen zumute. Die Nacht war längst hereingebrochen. Sie hatte ihren Wagen am Straßenrand geparkt und bat in gebrochenem Deutsch um Hilfe. Vielleicht lieber Englisch? Französisch? Sie schüttelte den Kopf. „Bitte Hochdeutsch, aber langsam!“ Denn die Hilfsbereitschaft der Passanten und deren Auskunftsfreude war ihr geringstes Problem.

Später beschrieb sie eine erstaunliche Odyssee durchs halbe Land. Ihr war in den vergangenen Stunden schon x-mal geholfen worden. Allein, sie hatte nicht einmal die Bindewörter verstanden.

Vorarlberg ist ein Land mit wenigstens zwölf Dialekträumen. Dass Zuwanderer raschest Deutsch lernen, ist gut und sinnvoll, ist ihnen aber bedauerlicherweise immer öfter nicht einmal bei Behördengängen wirklich von Nutzen. Erst wenn sie nach dem Deutschkurs draußen in freier Wildbahn mit großen Augen das mühsam antrainierte „Immer wieder“ als „alpott“, die Wiese als „Bündt“ und die Kleidung als „Hääs“ antreffen, erst dann kann man mit Fug und Recht sagen: Grüß Gott in Vorarlberg.

redaktion@vorarlbergernachrichten.at