Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Würde und Anstand

17.11.2015 • 20:49 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Aus dem London der 1940er-Jahre ist ein Bild in Erinnerung. Darauf schreitet ein Milchmann über die Trümmer einer zerbombten Straße und trägt seine Milch aus. Das weiße, betresste Jackett seiner Dienstuniform hat er geschlossen, die Stiefel akkurat geputzt, um seine Lippen spielt ein überlegenes Lächeln. Hinter ihm bekämpfen Feuerwehrleute die auflodernden Brände der vergangenen Nacht. Überall Tod und Zerstörung. Aber der Milchmann geht seiner Arbeit nach. England blieb im Zweiten Weltkrieg auch deshalb unbesiegbar, weil sich die Briten ihrer vornehmsten Tugend besannen und sich ihre Würde nicht wegbomben ließen.

Die Anschläge von Paris lassen niemanden kalt. Menschen wollen ihre Solidarität sichtbar machen. Und sei es, dass im Facebook Unzählige ihre Gesichter in Blauweißrot tauchen. (Hat einer von ihnen eigentlich sein Gesicht in die Farben Syriens getaucht, als dort nicht 150, sondern 250.000 Menschen ihr Leben ließen? „War“ jemand „Kabul“ oder „Beirut“? Beide Städte haben mehr erduldet, als Menschen ertragen können.)

Alle diese Gesten sind bestimmt wichtig, auch um „etwas tun“ zu können. Aber wir werden in den kommenden Jahren vor allem daran gemessen werden, wie viele Londoner Milchmänner wir aufzubieten haben. Oder anders: Lassen wir uns Würde und Anstand abtrotzen? Das ist die Frage. Sie beweisen sich nämlich nicht in einer digitalen Retusche, sondern im analogen Zusammenleben, Tag für Tag.

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