Schulen gehen die Ärzte aus

Pensionierungen und schlechte Bezahlung. Bereits 30 Pflichtschulen ohne Schularzt.
dornbirn. An der medizinischen Basisversorgung tut sich eine neue Lücke auf. Diesmal sind die Pflichtschulen betroffen. Denn die Bereitschaft von niedergelassenen Allgemeinmedizinern, auch als Schulärzte tätig zu sein, schwindet zusehends. Inzwischen fehlen an den 200 Schulen bereits dreißig Schulärzte, wie deren Sprecher in der Ärztekammer, Andreas Perle, auf VN-Nachfrage bestätigt.
Zu unattraktiv
Neben Pensionierungen macht er die schlechte Bezahlung für das steigende Desinteresse der Kollegenschaft an diesem Nebenjob verantwortlich. „Für 6,50 Euro brutto rentiert es sich kaum, die Ordination einen Vormittag lang zu schließen“, sagt Perle, der selbst jahrelang Schularzt war, jetzt aber in die Arbeitsmedizin eingestiegen ist. Immer wieder mache er in der Zeitschrift „Arzt im Ländle“ Werbung für die Tätigkeit als Schularzt. Doch das Echo sei gering. Sein Fazit: „Die Arbeit als Schularzt in Pflichtschulen ist zu unattraktiv.“ Besser stellt sich die Situation an den Bundesschulen dar. Dort sind die Schulärzte mit entsprechender Bezahlung durch den Bund angestellt.
Große Sorgen bereitet die Entwicklung an den Pflichtschulen auch Gesundheitslandesrat Christian Bernhard. Denn es geht nicht nur um die Untersuchungen der Schüler, die einmal jährlich durchzuführen sind, sondern auch um die Impfungen, die im Pflichtschulalter fällig werden. „Weniger Schulärzte bedeutet weniger Impfungen“, stellt Bernhard eine einfache Rechnung an. Damit werde auch die ohnehin schon rückläufige Durchimpfungsrate weiter sinken, gibt er zu bedenken. Die Infoblätter, welche über die Schulen an die Eltern gehen, hält Christian Bernhard für einen wenig effizienten Zwischenschritt. „Es ist etwas anderes, gleich in der Schule zu impfen, als selbst wieder aktiv werden zu müssen“, meint er.
Systemumstellung
Nicht zuletzt deshalb denkt Christian Bernhard jetzt laut über eine Umstellung des gesamten amtsärztlichen Systems nach. Seinen Überlegungen zufolge könnten auch Impfärzte dort integriert werden. „So wie es jetzt läuft, ist es sehr unbefriedigend“, sagt Bernhard. Langfristig müsse eine bessere Lösung her.
Dass Schulärzte nur noch ungern impfen, steht für Andreas Perle auf einem anderen Blatt. Das habe vor allem mit der schwierigen rechtlichen Situation zu tun. „Die Angst der jungen Kollegen, wegen eines Impfschadens vor Gericht zu landen, ist groß“, weiß Perle. Nach einem Vorfall in Kärnten wurden die Schulimpfungen vor einigen Jahren bekanntlich auf eine neue Basis gestellt. Für Eltern besteht die Möglichkeit, vor der Impfung eine persönliche Aufklärung durch den Schularzt in Anspruch zu nehmen. Wollen sie eine solche nicht, müssen sie den Verzicht auf Aufklärung unterschreiben. Zum einen sei die Aufklärung sehr aufwendig. Zum anderen würde auch die Unterzeichnung der Verzichtserklärung laut Juristen im Schadensfall nicht reichen.
Während diese Frage laut Perle eher schwierig zu lösen ist, bringt er für den sich ausweitenden Schulärztemangel eine einfache Gegenmaßnahme ins Spiel: „Fixe Anwesenheitszeiten bei ordentlicher Honorierung.“
In Vorarlberg werden die Schuluntersuchungen an den Pflichtschulen vom Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) organisiert und von den Schulerhaltern bezahlt.
Es ist etwas anderes, gleich in der Schule zu impfen, als selbst wieder aktiv werden zu müssen.
Christian Bernhard
Schulimpfungen
» 2013: 42.190
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