Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Oft trügt der Schein

Vorarlberg / 29.12.2015 • 20:04 Uhr

Man braucht kein besonderes Bewegungs-Untalent zu sein, um bei überfrierendem Nebel aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das Vorderrad schlüpft einfach weg, und der Rest des Fahrrads folgt in einer Bewegung, die den Fahrer unweigerlich absteigen lässt. Das endet mit einer innigen Bekanntschaft von Schulter und Randstein und blöderweise zu nachtschlafender Zeit.

Es hätte dem 2015er-Jahr zweifellos ein unersprießliches Ende bereitet, wären da nicht diese beiden Burschen gewesen. Türkischer Herkunft, eben im Begriff, in ihren aufpolierten Straßenkreuzer einzusteigen. Im „Dresscode Ausgang“. Mit Gel und Schmuck. Sie beobachten das Missgeschick, und . . .

Während der eine das Fahrrad von der Straße zieht, führt der andere den Bruchpiloten zur nahen Tankstelle. Zeigt sich erbötig, die Rettung anzurufen und will nicht weichen: „Wollen Sie etwas zu trinken?“, fragt er und „brauchen Sie wirklich keine Hilfe?“ Erst nach wiederholtem „Alles okay“ fahren sie dann weg. Zurück bleibt eine kleine Beschämung und die Frage, was man wohl über die beiden gedacht hätte, wenn sie zu irgendeinem anderen Zeitpunkt – vielleicht mit rauchenden Reifen – in Chrom und blank poliertem Blech vorbeigebrettert wären. So endet 2015 mit einem kleinen Lehrstück über Vorurteile.

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