Die tiefen Wunden
Es schnürt einem immer noch die Kehle zu und erzeugt ein Gefühl verzweifelter Hilflosigkeit: die Erinnerung an den kleinen Cain, der vor fünf Jahren in Bregenz zu Tode geprügelt wurde. Gerade jetzt, zum fünften Jahrestag dieses schrecklichen Verbrechens, lassen sich viele Gedanken nicht unterdrücken. Wie wäre er denn heute, dieser herzige Bub? Was würde er seinen Klassenkollegen über die Weihnachtsferien erzählen? Was wäre seine Lieblingsspeise? Wer sein Idol? Wer sein bester Freund oder Freundin? Was seine Träume, seine Hobbys? Cain wäre heute acht Jahre alt.
Sein Tod hat die ganze Republik erschüttert, Menschen zu Mahnwachen auf die Straßen gebracht, Behörden verändert, die Politik erhitzt. Die Hiebe, die der wehrlose Bub nicht überleben konnte, haben tiefe Wunden in der Seele hinterlassen. Wunden, die immer wieder aufbrechen, nie wirklich verheilen.
Cain ist das schmerzliche Symbol für eine Gesellschaft, die an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen wurde. Bei ihren Kindern, die so wehrlos wie unschuldig sind. Die nach dieser Tragödie getroffenen Maßnahmen sind sicher richtig und gut. Sie werden aber nie hundertprozentigen Schutz vor Taten wie jener des zu lebenslanger Haft verurteilten Täters bieten können.
Cains Tod niemals zu vergessen, muss dennoch Verpflichtung sein. Die Erinnerung hilft, wach zu bleiben und sofort zu handeln, wenn wir Kinder in Gefahr sehen.
Wenigstens diesen Dienst können wir Cain noch erweisen.
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