Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Crash der Weltbilder

Vorarlberg / 12.01.2016 • 21:11 Uhr

Richtig großmütterlich hört sich die zwölfjährige Meryem an, wenn sie mit Nachdruck versichert: Sie werde sicher nie in eine Disco gehen, dort seien nur schlechte Mädchen. Das hat sie von der Mama. So also versucht die Mutter der kleinen Afghanin ihre Tochter vor den Einflüssen jenes Landes zu schützen, in das sie sich in Sicherheit gebracht hat.

Natürlich sind all die Freizügigkeiten, die unseren Alltag prägen (und manchmal auch schmücken), Errungenschaften. Aber die Uroma aus dem Bregenzerwald hätte wohl ähnlich verstört reagiert, wie das junge Asylwerber tun, wenn sie zum ersten Mal einen Tanztempel betreten. Da shaked also das 21. Jahrhundert – fast barbusig und lustbetont. Und hier kommt das Mittelalter auf Besuch. Kann das gut gehen?

Die Silvesternacht in Köln taugt nicht zur Verallgemeinerung. Das geschah nicht einfach so. Da war kein Mob zufällig 1000-köpfig enthemmt am Werk. Zu viel riecht nach Absprache. Aber mit etwas Aufmerksamkeit sehen wir auch in den völlig gewaltfreien Alltagen die verständnisarme Verwunderung, mit der Kulturen und Epochen plötzlich unvorbereitet aufeinanderkrachen. Wir werden verdammt gute Übersetzer brauchen, sonst wird unsere bunte, facettenreiche Welt im Handumdrehen wieder schwarz-weiß. Und zwar für alle. Einfach, weil alle kostbaren Zwischentöne dem fehlenden tieferen Verständnis zum Opfer fielen.

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