Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Es dreht sich um

Vorarlberg / 15.03.2016 • 18:37 Uhr

„Noch zwei, drei südlichere Tage“, orakeln die Gärtner, dann explodiert die Natur förmlich. Es ist alles schon da. Die Rosenknospen spitzen, den Kater packt lautstark die paarungswillige Unruhe, und Fritz streicht versonnen über den Emaildeckel der Autopolierpaste. Bald, sagen seine Fingerkuppen. Das Leben feiert Auferstehung.

Die Politik tut das übrigens auch. Was die jetzt hier verloren hat, mitten im Frühlingsidyll? Trampeln da gleich wahlwerbende Gruppen durch den Vorgarten? Um Himmelswillen, nein! Da sitzt nur jemand und liest. Die Zeitung. Seine Hand greift zur Kaffeetasse und führt sie an den Mund, während die Augen fest an der Lektüre haften bleiben. Das muss ja spannend sein …

Tatsächlich hätte er vor 20 Jahren längst weitergeblättert. Dass er heute ausgerechnet von den politischen Seiten nicht loskommt, ist ein Zeitphänomen. Gewiss – Flüchtlinge und Heta, Arbeitslosigkeit und Pensionsreform – die Politik kennt keine leichte Muße. Und doch wird sie wieder wahrgenommen. In den 1990er-Jahren hatte man den Eindruck, dass die Österreicher sich von der Gestaltung ihrer Gesellschaft endgültig verabschiedet hatten. Alles war beliebig. Jetzt dreht sich das wieder um. Mit schwierigen Vorzeichen und ungewissem Ausgang zwar, aber immerhin begreifen immer mehr Menschen, dass Politik und ihr Leben viel miteinander zu tun haben. Feiert am Ende auch die Demokratie Auferstehung?

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