Des Kaisers alte Kleider
Mit Blüten hat sich die Wiener Stadt herausgeputzt. Im Schlossgarten des Belvedere ziehen frühmorgens Jogger ihre Runden, lange bevor die Wasserspiele murmelnd aus einer Zeit erzählen, in der Brunnenbauer noch „Fontainiers“ genannt wurden.
Ein Kellner wischt über die Tische im Schanigarten und blinzelt missmutig in die Frühlingssonne. Touristen aus Fernost fotografieren im Vorübereilen die Secession. Die Akademie nebenan bleibt unbeachtet. Aber dieses Schicksal teilt sie. Dem Literaturmuseum in der Johannesgasse geht es genauso.
Es steht mitten in der Inneren Stadt, seit einem Jahr. Selbst das Arbeitszimmer von Franz Grillparzer wurde sorgsam erhalten sowie die Kanonenkugel, die 1848 hier im ehemaligen k. k. Hofkammerarchiv einschlug. Ähnlich schlagen an diesem Tag die Touristen ein, nämlich vereinzelt. Sie würden hier viel erfahren von Felder bis Jelinek. Viel über die österreichische Seele. Allein, der 100. Todestag Franz Josephs lenkt die Besucherströme nach Schönbrunn und ins Hofmobiliendepot. Dort wird gar die Unterhose seiner Majestät gezeigt. Dass ihn ausgerechnet der allerdurchlauchtigste Liebestöter um die Gunst der Massen bringt, hätte Thomas Bernhard gewiss amüsiert.
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