Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Zwang zur Pause

Vorarlberg / 07.06.2016 • 20:06 Uhr

Das Thema ist ja viel zu ernst, aber die Bilder im Kopf lassen sich nicht vertreiben. Wie die Investmentbanker der Creditsuisse allerlei Tricks ersinnen, um sich am Wochenende den Weg ins Büro zu erschleichen . . . den Wachmann bestechen, sich als Putzfrau verkleiden, usw. Denn seit dem 23. Mai 2016 herrscht Büroverbot. Zwischen Freitag, 19 Uhr, und Sonntagmittag bleiben die Bildschirme dunkel. So will es die Chefetage. 2013 hatte sich in London ein junger Praktikant in der Bank of America buchstäblich zu Tode gearbeitet. Seither habe man viel nachgedacht, sagt die Konzernsprecherin.

Verordnete Freizeit also. Ob Investmentbanker wenigstens zum Trost ein wenig Arbeit mit nach Hause nehmen dürfen? Vermutlich. Aber Sinn der Sache ist das nicht.

Sie sollen jetzt wieder fixe Pläne mit der Familie machen können. Herrje, hat man die Angehörigen eigentlich vorher verständigt? Wer moderiert das plötzliche Zusammentreffen? Haben die Banker an Sozialarbeiter gedacht oder wenigstens an Moderatoren, die längst eingerostete Dialoge wieder in Gang bringen?

Nein, das Thema ist für platte Scherze viel zu ernst. Da die Arbeitslosen, die mit ihrem Job oft das Gebrauchtwerden und damit den Lebenssinn verloren haben. Dort die Workaholics, deren Kompassnadel im Strudel von Druck und Karriere ihren Norden nicht mehr findet. Papst Franziskus nennt Arbeit „die Quelle der Würde“. Aber mit Begriffen wie „Heimat“ und „Tradition“ ist es ja ähnlich. Wir haben sie so lange vergewaltigt, bis ihr ureigenster Sinn heute unter all den Narben nicht mehr zutage tritt.

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