Ausländische Konflikte auf Vorarlberger Boden

19.07.2016 • 18:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In Wolfurt demonstrierten rund 600 Menschen gegen den Militärputsch in der Türkei. Foto: VN/Rie
In Wolfurt demonstrierten rund 600 Menschen gegen den Militärputsch in der Türkei. Foto: VN/Rie

Türkische Kundgebung am Freitag in Wolfurt nach dem Putschversuch ist kein Einzelfall.

Schwarzach. (VN-mip) In Vorarlberg leben rund 387.000 Menschen. Laut Statistik Austria haben 92.500 einen sogenannten Migrationshintergrund. 16.000 Menschen sind deutsche Staatsbürger, 13.500 türkische. Wie hoch die Zahl jener Österreichischer mit türkischem Hintergrund ist, lässt sich nicht genau feststellen. Experten-Schätzungen schwanken zwischen insgesamt 25.000 und 40.000 Menschen mit türkischem Hintergrund in Vorarlberg. 600 davon fanden sich in der Nacht von Freitag auf Samstag vor dem türkischen Generalkonsulat in Wolfurt ein, um gegen den versuchten Militärputsch in ihrer früheren Heimat zu protestieren. Sie folgten dem Ruf des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der seine Landsleute aufforderte, auf die Straßen zu gehen.

Eine halbe Stunde nach diesem Aufruf schwenkten in Wolfurt bereits erste Personen türkische Fahnen. Über Whatsapp, Facebook und SMS organisierten die Erdogan-Anhänger innerhalb kürzester Zeit die 600 Personen starke Kundgebung. Auch aus Deutschland waren Demonstranten angereist, das Konsulat ist ebenso für den süddeutschen Raum zuständig. Walter Filzmaier von der Landespolizeidirektion berichtet, dass die Demo reibungslos verlief. Die Protagonisten hätten aber mit Verwaltungsstrafen zu rechnen, die Versammlung sei nicht angemeldet gewesen.

Wer sind die Organisatoren? Die Polizei beruft sich auf den Datenschutz. Hinter der Koordination dürfte die UETD stehen (Union Europäisch-Türkischer Demokraten). Seit Kurzem hat die Vereinigung ein Büro in Bregenz.

Der Wissenschaftler Thomas Schmidinger gilt als Experte der türkischen Szene. Er erklärt: „Die UETD war so etwas wie die Auslandslobbyorganisation der AKP. In den letzten Jahren gehen sie aber immer mehr in die Bundesländer.“ Auch die „Grauen Wölfe“ gelten als gut organisiert. „Das sind die Rechtsextremen unter den türkischen Vereinen“, führt Schmidinger aus. Ein Dornbirner Ableger der „Grauen Wölfe“ war es, der 2015 ein Völkermord-Gedenken in Dornbirn störte. Einige Mitglieder sollen auch in Wolfurt dabei gewesen sein.

Einer, der nach eigener Auskunft zumindest am Beginn der Kundgebung in Wolfurt dabei war, ist Adnan Dincer, politischer Aktivist und Obmann der Partei NBZ (Neue Bewegung für die Zukunft). Er sagt: „Das war eine Solidaritätskundgebung von Menschen aller politischen Couleurs.“ Die Menschen hätten noch den Militärputsch von 1980 im Kopf und hätten daher demonstriert. Es sei keine Pro-Erdogan-Demo gewesen. Dass dennoch ein Erdogan-Bild gezeigt und sein Name skandiert wurde, hänge mit der hohen Anzahl an Anhängern zusammen.

Dass sich Konflikte aus anderen Ländern hier widerspiegeln, ist nicht neu. In den 80er-Jahren besetzte eine kurdische Gruppe ein SPÖ-Büro. In den 1990er-Jahre kam es vermehrt zu türkischen Demonstrationen. 2014 protestierten Kurden in Bregenz. 2015 störte eine türkisch-nationalistische Gruppe eine Gedenkveranstaltung für den Genozid an den Armeniern. Im September 2015 marschierten 2000 Erdogan-Anhänger durch Bregenz. Nun also Wolfurt. Die „Türkische Kulturgemeinde Österreich“ kritisierte den Aufmarsch: „Das schadet dem Ansehen der Türken und der Türkei in Österreich.“

Es war eine Solidaritätskundgebung aller Couleurs.

Adnan Dincer