Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Weniger wäre mehr

Vorarlberg / 26.07.2016 • 20:37 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Man stelle sich eine Bank vor, deren internes Informationssystem die freundliche Aufforderung des Betriebsrats zum vergünstigten Sockenkauf mit derselben Priorität an die Mitarbeiter verschickt wie die Nachricht vom Überfall auf die Filiale. So sind soziale Netzwerke. Wie der Klatsch auf der Hinterhoftreppe. Meist belanglos, mitunter informativ. Manchmal von berückender Boshaftigkeit und in letzter Zeit immer öfter brandgefährlich.

Wenn in der Münchner Vorstadt einer wild um sich schießt, springen weit entfernt im Hofbräuhaus Gäste in Panik aus dem Fenster. Ihre Beurteilung der Lage entnahmen sie Twitter und Facebook. Der Journalismus alter Prägung bestand noch darauf, Behauptungen erst zu veröffentlichen, nachdem ihr Wahrheitsgehalt überprüft worden war. Aber in den sozialen Medien geschieht kein Journalismus. Niemand prüft. Aber jeder schreibt. Am Ende dieses explodierenden Mitteilungsbedürfnisses rücken Tausende Polizisten aus, denn der Gedanke an Terror beherrscht alles, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Beziehungstat in Reutlingen, Mobbingrache in München, Anschlag in Ansbach: Es fällt zunehmend schwer, die Ereignisse differenziert auseinanderzuhalten. Umso verheerender wirkt sich das allgemeine Zungendelirium aus. Es erzeugt eine Stimmung. Sie könnte jederzeit kippen. Deshalb sollte man wenigstens zweimal die Woche beim orientalischen Gemüsehändler um die Ecke einkaufen gehen, um die Freundlichkeit dort zu inhalieren und damit die aufkeimende Paranoia runterzuschlucken. Und auch ein Blick in die Mönchsregel des Heiligen Benedikt könnte helfen. Der stellte vor fast 1500 Jahren der damals schon allzu geschäftigen Welt eine Kunst entgegen, die heute fast vergessen ist: das Schweigen.

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